Follow the white rabbit

Ein ausgesetzter Hase hoppelt mir mitten im lebensfeindlichen Industriegebiet entgegen. Er hält inne, beäugt mich während ich an ihm vorbei ziehe. Zwischen donnernden Maschinen, die mobil wie immobil unaufhörlich Abgase austoßen, den Betonklötzen, Asphaltwüsten und Abfallresten aus den umliegenden Konsumtempeln, wirkt dieses Aufeinandertreffen mit einem derart unschuldigen Geschöpf surreal auf mich. Es wirkt so unnatürlich in dieser Welt, weil sein Lebenszweck nicht darin besteht andere Lebewesen zu ersticken. Mich rührt diese Begegnung und beschliesse mit Karotten wieder zu kommen, um ihm ein gewohntes, sicheres Umfeld in meiner bescheidenen Unterkunft zu bieten. 5 Minuten brauche ich für die Karotten, 5 Minuten für den Weg, aber ich war zu spät. Irgendwie hatten mich die wohlgenährten Hüften dieses weissen Haushasen dazu verführt zu glauben, er wäre faul, langsam und daher in der Nähe des letzten Treffpunktes. Aber er war weg. Ich suchte unter Autos, Lkws, in erbärmlich kargen Gebüschen, die mit Fastfoodtüten vollgekotzt worden sind und lief einige hunderte Meter herum. Zunächst war nirgends eine Spur von ihm, doch plötzlich sah ich ihn unter einem abgestellten Anhänger in einer Seitengasse. Er lebt nun vorübergehend bei mir und berate bei einem Tierschutzverein wie es mit dem Hasen weitergehen wird.

Was sind das allerdings für Menschen die dieses Tier wie Müll aus ihrem Leben warfen, direkt zu den Abfallresten, Blechdosen, Fastfoodtüten und -bechern? Offenkundig machen sie sich keine Vorstellung davon wieviele Reifen diesen Hasen zermalmen möchten, wenn sie ihn schlicht und einfach in einem Industriegebiet aussetzen. 2-3 Kilometer weiter war übrigens sogar ein Tierheim. Da stellt man sich vor, wie ist das wohl abgelaufen? Ein Familienvater der sich in seinen Van mit dem Hasenkäfig und dem Tier setzt, ein paar Kilometer ins industrielle Exil fährt, wo die Kinder normalerweise nicht herumspringen, und diesen dann aus eben solchen Behältnis nervös und eilig herausschüttelt, um  mit ordentlichen Druck aufs Gaspedal sich vom Tatort zu entfernen.  Und dann ab zur Tierhandlung und einen Ersatz erwerben um den Haussegen irgendwie aufrechtzuerhalten. Wer mag schon dicke, ältere Hasen, wenn man die ganz jungen, quitschig süßen Viecher haben kann?! Vielleicht sollte ich ein Schild aufstellen und Aussetzer von Tieren darüber belehren, dass es einem  Todesurteil nahekommt, das Tier derart zu behandeln. Aber warum sollte es Tieren anders ergehen als Menschen, die in dieser Gegend im Müll nach Pfandflaschen suchen, um damit ihr Überleben zu bewerkstelligen?

Wenn Menschen zu Humankapital bzw. Humanresources also auf reine ökonomische Funktionen wie ein Zahnrad reduziert werden, sie  dies systematisch über Jahrzehnte gelehrt und vorgelebt bekommen, dass sie nur als primitive, kalte Egoisten überleben können, wie sollte also irgendeine Seele auf die Idee kommen, einen winzigen scheinbar bedeutungsloseen Hasen solange zu schützen, zu stützen und zu lieben, wie es jedes Lebewesen verdienen würde? Offenkundig ist das moderne atomisierte Individuum im internationalen Konkurrenzkampf des Kapitalismus derart aufgelöst, aufgerieben und entfremdet, dass es nicht einmal mehr unschuldige Geschöpfe für schützenswert hält. Ich weiß nicht ob es bei diesen Hasen um ökonomische Nutzen und Kosten Attribute oder schlicht um die bereits angesprochenen ästhetischen Bedürfnisse ging, aber dieses Verhalten ist eine klare Aussage darüber, wie diese Menschen ihr Leben in Beziehung zu anderen Lebewesen verstehen. Was nicht mehr gebraucht wird, wird in die Tonne getreten, gleichgültig ob es fühlen kann oder ob es sich um einen Gegenstand handelt. Sie handeln so, wie sie selbst behandelt wurden und sie verdrängen all das um weiter funktionieren zu können. Und die Menschen, die nun sagen: „Scheiß doch auf den Hasen, es gibt Schlimmeres!“ Denen kann ich dieselbe Diagnose ausstellen.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft

Eine Antwort zu “Follow the white rabbit

  1. Anonymous

    Toll, dass Du ein Herz für den kleinen Kerl hast.

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