Verelendung der Massen

All die Streitereien zwischen Angestellten und leitenden Angestellten sogenannten Chefs sind offenkundige Kleinigkeiten, die aber das Zünglein an der Waage sind, wenn es um die Zukunft des Angestellten oder des leitenden Angestellten oder der jeweiligen Niederlassung oder gleich der gesamten Firma geht. Zukunft insofern als das bei allen natürlichen wie juristischen Personen das ökonomische Überleben davon abhängt, ob sie weiterhin mit allen Mitteln so profitabel wirtschaften können, wie es das Dogma der Betriebswirtschaftslehre vorschreibt. Und wirtschaftliches Überleben heisst bei Menschen immer auch das Überleben selbst. In dieser Realität steckt eine Logik die eine große Entwürdigung für sämtliche Menschen bedeutet. Zu spät kommen, zu wenig Leistungsbereitschaft, zu wenig Überstunden, Unflexibilität, fehlende Stressresistenz, mangelnde Teamfähigkeit, sind die üblichen charakterlichen Attribute die also schnell in Ungnade fallen und zu Abmahnungen und Kündigungen führen können. Insbesondere unterschiedliche Auffassungen wie ein Betrieb, ein Team zu führen oder ein Problem gelöst werden soll, können zu ähnlichen Konsequenzen führen. Zuviel Denken und zuviel Eigenständigkeit ist nicht erwünscht, sofern es sich nicht in Zahlen positiv messen lässt.

Nun sind das Dinge die man unter privaten Verhältnissen durchaus in einem klärenden Gespräch lösen könnte. Man kann die gegenseitigen Vorurteile, Missverständnisse durchaus ausräumen, sofern genug Zeit, Nerven, Sachlichkeit und ein entsprechender Wunsch zur gemeinsamen Fortführung der (in dem Fall beruflichen) Beziehung besteht. Wir wären im alltäglichen Konkurrenzkampf innerhalb des Kapitalismus eigentlich sogar dazu gezwungen uns miteinander zu solidarisieren, da er uns irrationalen, allgemeinen wie individuellen Entbehrungen und Zerstörungen aussetzt, aber aufgrund der Sozilisation die während dieses permanenten Kampfes stattgefunden hat und weiter stattfindet, herrscht mal offen mal unterschwellig oder versteckt: Egoismus, Missgunst, Misstrauen, Neid, Ignoranz und Intoleranz. Es gibt im alltäglichen kapitalistischen Vewertungslauf und des permanenten Überlebenkampfes sämtlicher Menschen auf allen Märkten zum Beispiel keine oder nur eine sehr geringe Toleranz von Fehlern oder Individualität, weil ökonomische Vorstellungen von Wachstum, Leistung und Wettbewerb in der Mehrheit der Köpfe verankert sind, die im Widerspruch dazu und auch zu Solidarität, Brüderlichkeit oder Gegenseitiger Hilfe stehen. Solidarität zahlt sich im Konkurrenzkampf des atomisierten Individuums nicht sofort messbar aus, also zieht es demgegenüber Vorstellungen und Handlungen vor, die mit Sicherheit zumindest einen Lohn zur Folge haben, wie also eine disziplinierte, fleissige, flexible, stressresistente berufliche Tätigkeit am Arbeitsplatz. Es kommt aus diesem Grund zu einer ständigen Verschlimmerung der üblichen menschlichen Probleme.

Kleine Fehler die Menschen nunmal stetig machen, weil niemand alles überblicken kann, entscheiden besonders im Beruf unter gnadenlosen „Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten“ über die Lebensqualität des einzelnen Menschen insgesamt. Es gibt genug andere Marktteilnehmer die man verheizen kann, wenn der aktuelle Angestellte nicht sofort gemäß der Firmeneigenen bzw. nationalen, wirtschaftlichen Pseudophilosophie entspricht, auch wenn diese nur geringe oder nur kurzfristige Verbesserungen leisten können, schliesslich ist keiner vor den Belastungen und Entbehrungen des Berufslebens im Kapitalismus sicher. Kosten und Nutzen gelten als faire und gerechte Gesichtspunkte, obwohl das menschliche Gegen-, Zwischen- und Miteinander ausgeblendet wird beziehungsweise grundsätzlich diesem Prinzip untergeordnet und davon bestimmt wird. Es ist zwar mittlerweile modern zu sagen, wie kann ich als Chef meine Mitarbeiter motivieren, wie fördere ich die Identifikation des Mitarbeiters zu „seinem“ Unternehmen, wie kann ich Krankheitsfälle vermeiden, usw. Aber diese Menschen werden trotzdem sofort ins Nichts und den sozialen Abstieg geworfen, wenn sie nicht so funktionieren wie es aufgrund eines theoretischen Ideals verlangt ist, welches obendrein nur gilt weil sich kaum einer traut es zu hinterfragen. Es wird niemals die Frage gestellt woraus eigentlich die ständigen Konflikte im alltäglichen Wirtschaften entstehen folgen können. Warum die Millionen Arbeitslosen? Warum leisten die Besitzer eines Arbeitsplatzes Überstunden, warum riskieren sie ihre Gesundheit, entfremden sich von sich selbst, ihrer Familie, der Gesellschaft und der Umwelt, wenn Millionen Arbeitslose die gesellschaftlich notwendige Arbeit unterstützen könnten? Offenkundig möchte man sich das aufgrund der dadurch einbrechenden Profite nicht leisten, mal abgesehen davon, dass es dem Konzept unserer Ökonomie grundsätzlich widerspricht Arbeit zu minimieren, was man sich mal auf der Zunge zergehen lassen muss!

All das wird gemeinhin als normal und als Errungenschaft der Zivilisation abgetan, obwohl es sich hier um den ultimativen Wahnsinn handelt. Man setzt auf Kündigungen statt auf Dialog, schliesslich sind die auch wesentlich günstiger. Gespräche binden Arbeitskraft und Arbeitszeit, wer kann sowas gebrauchen, zumal es keine Sicherheiten für qualitative Verbesserungen in der Leistung des vermeintlichen Störenfriedes geben kann. Ignoranz und Intoleranz gehören dazu wenn man Profite erwirtschaften will. Man muss aggressiv sein, sich durchsetzen und ohne Rücksicht auf Verluste agieren. Was zählt ist das Wohl der Profite der juristischen Person, das Wohl einer Sache oder vielmehr eines Prinzips, welches in der gesamten Gesellschaft rauf und runter idealisiert wird. Menschen werden entlassen egal ob das für sie einen Verlust ihrer Lebensqualität bedeutet. Es ist gleichgültig ob sie sich selbst oder ihre Familien nicht mehr ernähren können, ob sie sich nichteinmal den mickrigen Jahresurlaub an der Ostsee leisten können oder ob sie für das Alter etwas zu Seite legen können. Menschen werden in Berufsverhältnisse eingestellt von denen sie nicht einmal leben können und selbst wenn sie davon bloss überleben können, so doch nicht davon leben, schliesslich bedeutet ein Arbeitsplatz heute nicht Friede, Freude, Eierkochen, sondern unter anstrengenden, krankmachenden Zuständen Malochen bis zum Schlaganfall.

Das wird in den Medien zwar durchaus genauso beklagt, wie mehr oder weniger öffentlich in den Betrieben. Aber es erfolgt kaum eine genauere Analyse über die Ursachen. Dieses kurze Aufbäumen verliert sich schnell wieder indem einfach so weiter gemacht wie bisher. Diese Ideenlosigkeit, diese unglaublich fantasielose, systemhörige Herdenmentalität ist es, die den Hunger in der Welt genauso ermöglicht, wie die Millionen Heere an Arbeitslosen und Billigjobs, die sklavenhafte Unterordnung und religiöse Bejahung des gesamten gesellschaftlichen Lebens unter einem wahnhaften Dogma der Profitmaximierung. Darüberhinaus herrscht der totale Irrglaube Arbeitsplätze würden Zukunft bedeuten. Dabei sind sie Ausdruck einer unreifen, gedanklichen Totgeburt. Wir werden immer produktiver, wir machen uns quasi als Arbeiter selbst überflüssig und reagieren damit nur mit noch größerer Produktivität von dessen Früchten wir nicht naschen können, weil die Profite an die Anteilseigner unserer Arbeitsplätze fliesst. Anschliessend wird mit großem Erstaunen der Niedriglohnsektor oder die Entwicklung der Abstaltung von Vermögen und Länder in reich und arm wahrgenommen.

Man wird als Mensch heutzutage wie eine Ware behandelt, benutzt, gebraucht und nachdem man ausgebrannt ist, wird man ausgekotzt und kann sehen wo man bleibt, scheißegal was man geleistet hat. Als Angestellter bzw. Lohnabhängiger der um seines Überleben willen sich wie eine Hure verkaufen und derart erniedrigen lassen muss, darf sich dann einen neuen Freier suchen der ihn solange missbraucht, bis ihm dessen Qualitäten nicht mehr ausreichen. Es gibt keine Solidarität, Anstand, Vernunft, Gerechtigkeit oder gar eine erstrebenswerte Zukunft in so einem Verhältnis. Millionen menschliche Beziehungen sehen so aus, was nicht nur Rastlosigkeit aufgrund der Intensität und ständigen Flexibilisierung und Rationalisierung der Arbeit bedeutet, sondern auch Stress, Anfälligkeit für Krankheiten, mangelnde Lebensqualität weil man seine Lebenszeit hauptsächlich mit derart widerlichen Situationen verschwenden muss. Davon sind bloss einige glückliche Millionäre insoweit ausgeschlossen, alsdass sie sich eben nicht auf dem Arbeitsmarktstrich verkaufen müssen. Genauer muss man aber sagen das wirklich jeder Mensch auf der Welt im Kapitalismus eingebunden ist. Meine Kritik ist also an nahezu alle Menschen gerichtet, auch jene die in ihre Freier verliebt sind oder dem Arbeitswahn für den einzig wahren Lebensinhalt erachten.

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