Haben oder Sein?

Ratlos akzeptiere ich mein momentanes Los. Meine berufliche Tätigkeit wurde ausgeweitet, eine saftige Gehaltserhöhung ausgesprochen und eigentlich wären damit genug Bedingungen erfüllt um bereits jetzt von einer erfolgreichen Woche zu sprechen. Nur bleibt mir so noch weniger Zeit für die Dinge die mich interessieren und faszinieren. Ich kann mich weniger mit den Problemen unserer Zeit beschäftigen, die grundlegender Natur sind. Es gibt unheimlich viel in den einzelnen Branchen zutun, ganze Nationen ächzen unter den wirtschaftlichen Belastungen. Viele Angestellte und Mitarbeiter reiben sich Tag für Tag im Arbeitsalltag auf, bewältigen in immer kürzerer Zeit, immer mehr Arbeit und werden bis auf den letzten Tropfen ausgepresst wie eine Zitrone. Seit dieser Woche wird also auch bei mir wieder ordentlich gepresst, bis ich nicht mehr zugebrauchen bin und auf dem Müll geworfen werde.

Natürlich ist finanzielle Unabhängigkeit in einem derart materialistisch geprägten System etwas, was so gut wie alle Menschen anstreben und sich erhoffen, aber es ändert nichts daran das es grundsätzlich nur ein Wettlauf um Zahlen ist und als illusorischer Selbstzweck, fernab vom eigentlichen Leben, von dem was eigentlich wichtig ist, zwingend scheitern muss. Der menschliche Verstand bildet sich immer wieder neue Illusionen ein um die grundlegende Illusion zu stützen, es ist wie ein Wahngebilde eines psychisch Kranken. Wir gehen täglich zur Arbeit in der Hoffnung damit etwas für die Gesellschaft und damit für uns selbst zutun, aber in Wahrheit dienen wir einer Illusion die aus Zahlen besteht. Es geht darum Kapital anzuhäufen, egal mit welcher Tätigkeit. Wir sind mittlerweile soweit, dass wir alle gesellschaftlichen Bereiche danach ausrichten, ob es „nützlich“ also finanzielle Auswirkungen hat.

Es gibt mit Sicherheit Gruppierungen die, um ihre profitsüchtigen Interessen zu schützen, diesen Status Quo erhalten wollen und deshalb auf eine Politik setzen, die die Bevölkerung beruhigen soll. Wir hören zwar wie sehr unser Staat verschuldet ist, aber unsere Minister sprechen davon, diese Schulden sehr bald mit einem soliden Sparkurs abzubauen. In Wirklichkeit müssen all diese Milliarden von uns erwirtschaftet werden, also von etwa 30 Millionen Menschen. Und hier sind noch nicht einmal die Abgaben für die ganzen Versicherungen drin, die Fixkosten, Miete, Kleidung, Nahrung usw. Zu einem großen Teil arbeiten wir also nur damit wir uns erhalten können, damit wir diese Situation erhalten können, die wirtschaftlich und politisch seit langem der Fall ist. Wir treten auf der Stelle, während wir insgesamt abtreiben, zurückfallen, ich habe den Eindruck das wir all das nicht länger tragen können.

Wie sehr lassen sich denn die Menschen noch ausbeuten, abzocken und belügen? Wie weit kann die Ablenkung noch funktionieren? Und was wird passieren wenn die Menschen wütend werden? Wird Deutschland seine erste Revolution erleben? Landen wir wieder im Faschismus? Unsere Gier, die einsmals der Wunsch nach einem sorgenfreien Leben war und durch Erziehung, Massenmedien, Politik und Wirtschaft vergiftet wurde, wird uns in schwere Konflikte führen. Wir haben lange genug versucht die Armut aus unseren Reihen zu halten, haben sie nach China und Afrika exportiert. Aber die Armut bei uns wächst, das sehen wir an den wirklichen Arbeitslosenzahlen oder den zigtausenden die auf Nahrungsmittelspenden angewiesen sind. Wir müssen uns also damit auseinandersetzen. Wir müssen fragen was mit unserem System los ist, was wir mit unserer täglichen Tätigkeit anrichten. Die Attacken auf den Sozialstaat, welcher aus einigen Ideen des Sozialismus besteht und blutig erkämpft werden mussten, sind allesamt versuche Märkte also Profite zu finden.

Die Masse an Arbeit die immer weniger Menschen bewältigen müssen, ist der logische Rythmus des Kapitalismus, er wird die Menschen solange auspressen bis sie zusammenbrechen. Unsere Politik hat sich von der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten derart zudröhnen lassen, sie ist handlungsunfähig, sie wird uns strikt in die Konlfikte führen, die uns das zerstören werden, was wir in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben. Wir liegen mitten in der Endphase dieser Ideologie. Man hat versucht den Kapitalismus sozial zu halten und wir erleben das Scheitern dieses Versuchs. Entweder es gibt eine Revolte und neue Unterdrückung oder eine Revolution mit neuen Freiheiten. Es ist an der Zeit alle Menschen darüber aufzuklären was nicht funktioniert, warum es nicht funktioniert und was wir an uns erkennen oder verändern müssen um dies in Zukunft zu verhindern, was gleichzeitig auch bedeutet: wir müssen fragen was wir eigentlich wollen.

Wollen wir Haben oder Sein?

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Arbeitertagebuch

4 Antworten zu “Haben oder Sein?

  1. Das nenne ich mal fröhliche Grundstimmung. 😉

    Ich will dem garnicht sosehr widersprechen, finde aber die Einschätzung etwas zu drastisch. Selbst wenn sie richtig wäre, haben wir Deutschen in Europa noch den größten Langmut, da ist eine Revolution so schnell nicht drin.

    Übrigens, hier liegen Sie m.E. falsch: „Wir haben lange genug versucht die Armut aus unseren Reihen zu halten, haben sie nach China und Afrika exportiert.“ Wir haben die Arbeit exportiert. Die Armut(slücke) ist die Konsequenz der Handelsbilanz.
    Das zu bemängeln spricht ja mehr für das „Haben“ als Antwort, oder? Frei nach Descartes machen wir daraus ein „Ich habe, also bin ich.“ oder sogar ein „Ich bin, also will ich ..“. Für mich persönlich besteht die Kunst darin, Zufriedenheit und Herausforderung in Einklang zu bringen.

    • Descartes hatte mit seinem berühmten Spruch eigentlich nur den Egoismus erkannt und ihn mit dem Wesen des Menschen verwechselt. Wir sind auch, wenn wir nicht denken, wir sind auch, wenn wir keine Karriere wollen oder ähnliches wollen. Womit sind wir zufrieden und warum? Warum lassen wir uns in dieses irrsinnige Laufrad des Egoismus werfen und nutzen keine Gelegenheit dort herauszuspringen?

      Mit meinem Verweis auf China und Afrika, verwies ich auf die sogenannten Heuschrecken, die Konzerne die ihre Produktion in Länder verlegten, welche über geringe Lohnnebenkosten bzw. allgemein geringere Lebenskosten verfüg(t)en. Was die Deutschen, nicht nur aus Gründen des geringen Einkommens, niemals mitmachen würden, ist für den Chinesen/Afrikaner der erste Schritt aus dem Hungertot. Als Arbeiter erhält man natürlich etwas mehr, als ein Bettler, aber dafür steht man auch täglich den halben oder kompletten Tag der Firma zur Verfügung. Eigentlich wechselt bloss die Form der Armut. War der Afrikaner doch vorher nur Opfer der westlichen Industrialisierung geworden, etwa durch die offenen Rohstoffraubzüge, ist er nun Täter, weil er auf der Gehaltsliste derselben Logik steht, indem er etwa die Kaffeebohnen für uns anbaut und an die entsprechenden Abnehmer verkauft, die später an die Endverbraucher in Europa gehen.

      Was ich also mit dem Satz des Exportes meinte, ist die Globalisierung und gleichzeitig die Verdrängung vieler westlicher Bürger, dass dieses System grundsätzliche Fehler hat. Denn hätten wir nicht genug Arme, bzw. Menschen denen es noch dreckiger geht als uns, würden wir eher erkennen müssen, dass uns der blinde Glaube am Kapitalismus, die rastlose sinnfreie Tätigkeit für eben diesen, nur in den Abgrund führt. Die bittere Armut der Afrikaner und Chinesen, die in einigen Regionen immer noch extreme Realität sind, haben für uns die Illusion aufrecht erhalten, dass es eine Zukunft mit dem Egoismus gibt, – so widersprüchlich es klingt. Das Leid war eben weit weg und der Genuss so nah.

      • Ich habe „frei nach“ geschrieben.

        Das ist garnicht so widersprüchlich, auf den zweiten Blick. Wer die Nacht nicht kennt, wird den Tag nicht erkennen.

        Heuschrecken sind übrigens die hedger, nicht die Konzerne. Aber ich versteh‘ schon was Du meinst. Ich bin nur nicht damit einverstanden.

        Niemand wird behaupten, daß doch alles super läuft. Was schlägst Du also vor? Kommunismus? Altruismus als Staatsform? Anarchie mit einem starken Anarchen?

        homo homini lupus

  2. Ich möchte das endlich darüber vermehrt diskutiert wird. Sicher wird es niemals eine Ideologie geben die alle Menschen sofort befreien wird. Alle Menschen die versucht haben mithilfe einer Ideologie den Himmel auf Erden zu schaffen, haben letztlich die Hölle hervorgebracht.

    Danke für Deine Kommentare.

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