Monatsarchiv: April 2010

Haben oder Sein?

Ratlos akzeptiere ich mein momentanes Los. Meine berufliche Tätigkeit wurde ausgeweitet, eine saftige Gehaltserhöhung ausgesprochen und eigentlich wären damit genug Bedingungen erfüllt um bereits jetzt von einer erfolgreichen Woche zu sprechen. Nur bleibt mir so noch weniger Zeit für die Dinge die mich interessieren und faszinieren. Ich kann mich weniger mit den Problemen unserer Zeit beschäftigen, die grundlegender Natur sind. Es gibt unheimlich viel in den einzelnen Branchen zutun, ganze Nationen ächzen unter den wirtschaftlichen Belastungen. Viele Angestellte und Mitarbeiter reiben sich Tag für Tag im Arbeitsalltag auf, bewältigen in immer kürzerer Zeit, immer mehr Arbeit und werden bis auf den letzten Tropfen ausgepresst wie eine Zitrone. Seit dieser Woche wird also auch bei mir wieder ordentlich gepresst, bis ich nicht mehr zugebrauchen bin und auf dem Müll geworfen werde.

Natürlich ist finanzielle Unabhängigkeit in einem derart materialistisch geprägten System etwas, was so gut wie alle Menschen anstreben und sich erhoffen, aber es ändert nichts daran das es grundsätzlich nur ein Wettlauf um Zahlen ist und als illusorischer Selbstzweck, fernab vom eigentlichen Leben, von dem was eigentlich wichtig ist, zwingend scheitern muss. Der menschliche Verstand bildet sich immer wieder neue Illusionen ein um die grundlegende Illusion zu stützen, es ist wie ein Wahngebilde eines psychisch Kranken. Wir gehen täglich zur Arbeit in der Hoffnung damit etwas für die Gesellschaft und damit für uns selbst zutun, aber in Wahrheit dienen wir einer Illusion die aus Zahlen besteht. Es geht darum Kapital anzuhäufen, egal mit welcher Tätigkeit. Wir sind mittlerweile soweit, dass wir alle gesellschaftlichen Bereiche danach ausrichten, ob es „nützlich“ also finanzielle Auswirkungen hat.

Es gibt mit Sicherheit Gruppierungen die, um ihre profitsüchtigen Interessen zu schützen, diesen Status Quo erhalten wollen und deshalb auf eine Politik setzen, die die Bevölkerung beruhigen soll. Wir hören zwar wie sehr unser Staat verschuldet ist, aber unsere Minister sprechen davon, diese Schulden sehr bald mit einem soliden Sparkurs abzubauen. In Wirklichkeit müssen all diese Milliarden von uns erwirtschaftet werden, also von etwa 30 Millionen Menschen. Und hier sind noch nicht einmal die Abgaben für die ganzen Versicherungen drin, die Fixkosten, Miete, Kleidung, Nahrung usw. Zu einem großen Teil arbeiten wir also nur damit wir uns erhalten können, damit wir diese Situation erhalten können, die wirtschaftlich und politisch seit langem der Fall ist. Wir treten auf der Stelle, während wir insgesamt abtreiben, zurückfallen, ich habe den Eindruck das wir all das nicht länger tragen können.

Wie sehr lassen sich denn die Menschen noch ausbeuten, abzocken und belügen? Wie weit kann die Ablenkung noch funktionieren? Und was wird passieren wenn die Menschen wütend werden? Wird Deutschland seine erste Revolution erleben? Landen wir wieder im Faschismus? Unsere Gier, die einsmals der Wunsch nach einem sorgenfreien Leben war und durch Erziehung, Massenmedien, Politik und Wirtschaft vergiftet wurde, wird uns in schwere Konflikte führen. Wir haben lange genug versucht die Armut aus unseren Reihen zu halten, haben sie nach China und Afrika exportiert. Aber die Armut bei uns wächst, das sehen wir an den wirklichen Arbeitslosenzahlen oder den zigtausenden die auf Nahrungsmittelspenden angewiesen sind. Wir müssen uns also damit auseinandersetzen. Wir müssen fragen was mit unserem System los ist, was wir mit unserer täglichen Tätigkeit anrichten. Die Attacken auf den Sozialstaat, welcher aus einigen Ideen des Sozialismus besteht und blutig erkämpft werden mussten, sind allesamt versuche Märkte also Profite zu finden.

Die Masse an Arbeit die immer weniger Menschen bewältigen müssen, ist der logische Rythmus des Kapitalismus, er wird die Menschen solange auspressen bis sie zusammenbrechen. Unsere Politik hat sich von der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten derart zudröhnen lassen, sie ist handlungsunfähig, sie wird uns strikt in die Konlfikte führen, die uns das zerstören werden, was wir in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben. Wir liegen mitten in der Endphase dieser Ideologie. Man hat versucht den Kapitalismus sozial zu halten und wir erleben das Scheitern dieses Versuchs. Entweder es gibt eine Revolte und neue Unterdrückung oder eine Revolution mit neuen Freiheiten. Es ist an der Zeit alle Menschen darüber aufzuklären was nicht funktioniert, warum es nicht funktioniert und was wir an uns erkennen oder verändern müssen um dies in Zukunft zu verhindern, was gleichzeitig auch bedeutet: wir müssen fragen was wir eigentlich wollen.

Wollen wir Haben oder Sein?

Advertisements

4 Kommentare

Eingeordnet unter Arbeitertagebuch

Kurzer Abriss

Gerade in den letzten Tagen, in denen ich verstärkt an die Zeit in Berlin denke erscheinen mir die Schwierigkeiten der meisten Menschen in einem neuen Licht. Ich erkenne die menschliche Seite meiner Kollegen, meines Chefs und Vorgesetzten, die der Putzen und so weiter. Mir ist ihre Belastung wesentlich stärker bewusst und verstehe ihre Frustration. Viele arbeiten unheimlich hart, sehr lange, Tag für Tag, nur um ein halbwegs würdevolles Leben finanzieren zu können. Andere hingegen haben dazu gar keine Möglichkeit und sind darüber frustriert, wovon sich einige total entmutigen lassen. Immer wieder kommt es zu Streit, Konflikten, die scheinbar eine ständige Wiederholung sind, denn es geht immer um dasselbe. Die Menschen wünschen sich Unterstützung, ehrliche, aufrichtige Zuneigung, eine Chance die sie wirklich ergreifen können, sie brauchen täglich handfeste Perspektiven, keine leeren Versprechen, keine tröstenden Worte, keine Ablenkung von diesen Problemen. Die Menschen nehmen das alles nur noch hin, weil sie keine Alternative kennen. Sie wissen keine Alternative zum egoistischen Verhalten. Sie glauben an die Leistungsprinzpien, die Wettbewerbsprinzipien, auch wenn sie genau wissen, es wird mehr Leid produzieren, immer mehr Menschen in den Abgrund stoßen.

Wir haben diese Menschen auch hier in Deutschland, selbst wenn behauptet wird, die könnten ja auf Kosten der Gemeinschaft leben. Was ist das für ein Leben, wenn man völlig machtlos ist? Man kann natürlich Hartz IV beantragen, wird dann aber zum Spielball der Ämter, die einen in Beschäftigungsmaßnahmen stecken, die rein gar nichts bringen, außer langeweile und noch meh Frustration. Selbst wenn man einen Job hat, weiß man das es jederzeit vorbei sein kann, gleichgültig welche Leistungen man in der Vergangenheit erbracht hat. Das ist keine Freiheit, das ist Willkür des Kapitals, Willkür unseres Glaubens an egoistische Prinzipien. Geld ist nützlich, klar. Aber wir haben längst die Übersicht darüber verloren; warum es immer schlimmer statt besser wird. Ist es die Börse? Sind es die Reichen? Sind wir irgendwie alle daran schuld? Eine permanente Debatte darüber sehe ich nur in Nischen der Gesellschaft, ansonsten wird nur Gejammert oder Gejohlt. Die meisten glauben daran, dass das System bald komplett gegen die Wand fährt und es wird so sein, aber keine fragt was danach kommen wird. Werden wir dann vielleicht es noch schlimmeres produzieren, weil wir uns heute keine Gedanken gemacht haben, welche Fehler in der Vergangenheit getan wurden?

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesellschaft

Buchprojekt gestartet

Ich habe letzte Woche konkret angefangen an meinem ersten Buch zu schreiben. Thematisch bezieht es sich vorallem auf meine Zeit in Berlin. Es geht um die alternative Szene, Hausbesetzungen, Hausbesetzer an sich, die Probleme der Selbstorganisation und die Probleme unserer Gesellschaft allgemein.

Mir liegt viel daran möglichst nah an meinen Erlebnissen dran zu bleiben, ehrlich und ohne großartige Umschweife darüber zu berichten was aus meiner Sicht in Berlin stattfand und wie ich überhaupt dazu kam nach Berlin zu gehen, welche Geschichte meine Überlegungen haben, was mich antreibt die Dinge nicht so zu akzeptieren wie sie sind usw.

Natürlich habe ich keine Ahnung ob es jemals einen Verlag finden wird, aber in erster Linie dient mir dieses Projekt dazu meine Erinnerungen festzuhalten, Erkenntnisse zu fokusieren und entsprechend an Interessierte weiterzugeben. Es war eine wichtige Zeit für mich in Berlin und mit diesem Projekt möchte ich dem einfach ein Denkmal setzen.

Es gibt in diesem Blog zwar schon eine Rubrik bzgl. eigenes Buch. Aber da ist der Fokus auf eine frühere Phase meines Lebens. Das Buch wird hier erst veröffentlicht, wenn ich es als vollständig betrachte.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Berlin, Eigenes Buch