Monatsarchiv: Februar 2010

Mein Weg und meine Gefährten

Ich fahre täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit und normalerweise gefällt mir das ganz gut. Nur scheinen offenbar etliche Passanten der Ansicht zu sein, ich hätte gefälligst, wie sie, zu Fuß zu laufen, denn sie weigern sich zu 90 Prozent trotz wilden Geklingels und Gerufe von mir zur Zeit zu gehen und beschimpfen mich auch noch. Oft sehen sie mich aus 10-50 Meter Entfernung und starren mich an, als ob ich dadurch absteigen würde. Rentner mit ihren Hunden, Hausfrauen die gemeinsam einen Spaziergang machen, irgendwelche Leute mit dicken Einkaufstüten und all das mitten im Industriegebiet! Ich weiß nicht warum ihr Vollidioten mitten im Industriegebiet Eure Runden drehen müsst, vor allem in der Rushour! Es ist unfassbar, mir kommen sogar Fahrradfahrer entgegen die sich strickt weigern zur Seite zu fahren und lieber in den Graben fahren, anstatt einfach 1 Meter zur Seite zu fahren, so wie ich das ständig machen muss. Ich würde ja gar nichts sagen wenn das 1 mal in der Woche passieren würde, aber es passiert wirklich täglich etliche Male und jedes Mal frage ich was mit diesen Leuten los ist. Schaffen sie es nicht auf ihre Mitmenschen zu achten und entsprechend zu beachten wie schwer oder leicht sie es haben? Mit dem Fahrrad hat man gerade jetzt, bei ungeräumten Wegen keinerlei Möglichkeiten großartig auszuweichen, man ist auf die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen angewiesen. Es ist schlimm genug das die Gemeinde unfähig ist die Wege freizuhalten, aber wenn nichtmal diese Kleinigkeit von den Mitmenschen beachtet werden kann, dann ist mir auch klar warum kompliziertere Schwierigkeiten gar nicht erst gesehen werden. So, jetzt wisst ihr, ich ziehe auf der Straße den kürzeren, obwohl ich das größere Vehikel gegenüber Passanten habe, was für eine Qual und Erniedrigung. Jetzt etwas wichtigeres:

In der Praxis sehe ich tagtäglich wie es in unserem wirtschaftlichen System abgeht. 3 meiner Kollegen haben heute ziemlich viele Überstunden gemacht. Der erste Kollege 12 Stunden, die anderen beiden 14 Stunden. Ich frage Euch, wieviel haben diese Kollegen wohl noch vom Tag gehabt? Wieviele Nachrichten in den Medien konnten sie wahrnehmen und kritisch reflektieren? Wieviele Proteste hätten sie an diesem Tag machen können? Wieviele Bücher lesen, Filme sehen und Frauen küssen können? Da bleibt kaum noch Zeit um das Leben zu genießen, die eigene Tocher aufwachsen zu sehen bzw. Erziehung zu betreiben. Da bleibt noch weniger Zeit der Politik und Wirtschaft auf die Finger zu hauen usw. Und hier sieht man ein grundlegendes Problem dieser Gesellschaft, die Menschen müssen soviel arbeiten, dass sie kaum noch in der Lage sind der Demokratie Leben einzuhauchen und genau das sorgt dafür das die Politiker jeden Mist verzapfen können, ohne dass ein riesiger Aufschrei durch die Gesellschaft geht. Die wenigen Menschen die jetzt noch über einen Arbeitsplatz verfügen müssen die tägliche Arbeit mit hohem Einsatz erledigen, dieser hohe Druck sorgt für psychische bzw. physische Probleme, die Leute essen, trinken, rauchen zuviel, schreien, jammern und kämpfen sich durchs Leben. Sobald sie erschöpft von der Arbeit kommen, wollen sie den restlichen Tag bzw. die restliche Nacht wenigstens ein bisschen genießen und gehen feiern, treffen sich mit ihrer Frau oder ihrem Mann, kümmern sich um das Kind oder die Kinder etc. Sie haben keinen Nerv und keine Kraft sich mit schwierigen Themen der Politik oder Wirtschaft auseinanderzusetzen.

Ich gehöre zu den wenigen die das tun und habe entsprechend wenig vom Leben. Ich führe ein Doppelleben. Am Tag arbeite ich und in der Nacht differenziere, reflektiere und publiziere ich. Täglich frage ich mich ob ich das noch länger durchhalte, ob es sich überhaupt lohnt, ob ich überhaupt jemals in der Lage sein werde all die komplexen Mechnismen vollständig begriffen zu haben. Es geht mir nicht nur darum zu verstehen was passiert, sondern auch zu verstehen warum vieles bisher nicht funktioniert hat und wie Alternativen aussehen könnten. Allein der erste Punkt braucht ein halbes Leben, bei den anderen Punkten ist es nicht anders. Als Einzelkämpfer neige ich oft zu schwarz-weiß Ansichten, entweder es funktioniert oder nicht. Ich glaube ich kann allein gar nichts bewegen, aber bevor ich mich mit anderen engagiere, will ich für mich die grundlegenden Sachen geklärt haben. Blinder Aktionismus ist fatal, daher orientiere ich mich an anderen Aktivisten, entweder vergangener oder aktueller Zeiten. Mich treibt die Hoffnung auf eine bessere Welt an. Ich will nicht akzeptieren das Milliarden Menschen hungern und in entfremdeter, schlechtbezahlter Arbeit zerfallen. Es geht auch um kommende Generationen. Ich werde auch immer älter und merke langsam, die Menschen, die jünger sind als ich, werden immer mehr. Und dann frage ich mich, wissen sie um ihre Verantwortung, um ihre Chancen? Oder sind sie mindestens so verblendet und gebrochen wie die Erwachsenen? Es ist notwendig für die Sache möglichst bald offensiver zu sein, lokal Menschen zu finden die mitmachen und mitdenken, unabhängig von Parteien oder Ideologien. Ohne erhöhten Einsatz wird es keine Freiheit geben, zumindest keine von höherer Qualität als bisher.

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Es gibt keine Lösung für alle Probleme

Ja, die Zeiten ändern sich nicht. Es bleibt hart. Es bleibt aussichtslos. Es gibt immer weniger gut bezahlte Jobs, es gibt immer mehr Leute die diese Jobs haben wollen. Unser wirtschaftliches und politisches System wird dies weiter verschärfen. Viele jammern für sich allein, blicken nicht auf die Nachbarn, nicht auf die anderen Nationen, sehen nicht das große Ganze und fühlen sich entsprechend ohnmächtig, als hätten sie keine Wahl, als hätten sie keine Fähigkeiten positivere Veränderungen für alle Menschen anzugehen. Das Geld dominiert alle Lebensbereiche, ohne Geld kannst Du keine Rechnungen bezahlen, kannst dir keine Wohnung, keine Möbel, keine Bücher, Klamotten kaufen. Klar, der Staat gibt Dir ein paar Notgroschen, aber wer will die schon annehmen, gerade bei den Hetzereien gegen ALGEmpfängern? Jeder will lieber „auf eigenen Beinen“ stehen, das eigene Leben in die Hand nehmen und das eigene Glück mehren.

Aber es ist nicht möglich das zu tun, denn der Markt ist nicht fähig allen Menschen ein Chance zu geben. Ich habe es in meinem Blog schon ziemlich häufig beschrieben, wieso dem so ist. Die Realität sollte den Leuten zeigen das es so nicht weitergehen kann. Wenn es sich weiter verschlimmert, wie bisher, dann wird es bald schwere Konflikte geben. Konflikte die über das Jammern hinaus gehen, Konflikte mit denen selbst der Staat große Schwierigkeiten haben wird. Die Politik hat in den letzten Jahren immer stärker auf Wirtschaftsinteressen statt auf das Gemeinwohl gesetzt und wird für diese Politik bald den Preis sehen. Ich sehe quasi keine Firma die Vollzeitkräfte einstellt, Zeitarbeit, Kurzarbeit, 400 EUR-Kräfte, usw. alles eindeutige Zeichen wohin es in Zukunft weiterhin gehen wird. Wir werden uns demnächst wie in Amerika mit mehreren kleinen Jobs über Wasser halten müssen, es wird noch weniger Zeit bleiben das Leben zu genießen oder Fragen zu stellen, Antworten zu bekommen usw. Dieser Prozess beschleunigt sich immer mehr und es wird logischerweise mehr Konflikte geben.

Menschen die immer weniger Zeit für sich und ihre Leidenschaften haben, sind selbstverständlich gereizt, aggressiv, brauchen Ausgleich und so weiter. Wir haben Millionen Suizide bzw. Suzidversuche jedes Jahr, Millionen die an Depressionen leiden, Millionen mit schlechten Essgewohnheiten, Millionen die kaum Essen erhalten, Millionen die keine ordentliche medizinische Versorgung erhalten, Millionen die mit Billigjobs abgespeist werden und sich niemals ein Haus werden bauen können, Millionen die immer nur ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten können und dadurch selbst zur Ware werden. Dagegen haben wir wenige Menschen die Milliarden auf ihren Konten haben, ganz wenige Menschen die ihr Geld arbeiten lassen und nur noch Luxusprodukte konsumieren, wenige Menschen die sich Inseln statt Häuser kaufen, wenige Menschen die die politischen Entscheidungen beeinflussen, wenige Menschen die trotz ihrer großen Vermögen allenfalls in Stiftungen investieren um Steuern zu hinterziehen. Vielleicht sind das alles nur Legenden, populistische Phrasen, aber es läuft offenbar real mehrheitlich so, sonst wären all diese Probleme doch gar nicht vorhanden.

Es wird gern behauptet die Reichen wären die Leistungsträger. Aber was ist mit den Kassierern bei Lidl oder den Putzen die die Büros reinigen, den LKW-Fahrern auf den Autobahnen, sind das keine Leistungsträger? Haben die nicht auch wesentlich mehr Geld und Entlastung mit ihrer täglichen harten Arbeit verdient? Die Methoden mit denen diese Leute um ihr Recht betrogen werden, sind gerade in den Massenmedien täglich einsehbar. Es wird ein Feuerwerk der Entrüstung ausgelöst wenn man die Systemfrage stellt oder an die Vermögen der „Reichen“ gehen will. Die sehen ihre soziale Leistung im erwirtschaften der Summen die sie teilweise nun auf ihrem privaten Konto haben. Ich sehe das völlig anders. Wer braucht schon mehr als 1 Millionen EUR auf dem Konto, besonders angesichts der Verhältnisse in der Welt? Wieso setzen sich die „Reichen“ nicht zusammen, gründen eine fette Stiftung und lösen alle Probleme? Offensichtlich sind sie daran interessiert egoistisch ihre Vermögen zu halten oder zu vermehren. Sie identifizieren sich nicht mit den Hungertoten, den Harz4-Empfänger, Zeitarbeitskräften usw. Vermutlich sind sie da nicht viel anders als viele andere Menschen, was aber nichts daran ändert dass das Bewusstlosigkeit ist.

Diese Bewusstlosigkeit erzeugt Gewalt, Mord, Ausbeutung, Zerstörung jedweder Form. Das scheiten jeglicher Ideologien, egal ob Sozialismus, Kapitalismus etc. ist begründet auf dieser Bewusstlosigkeit. Egal was sich der Mensch ausdenkt, denkt er nicht an andere, respektiert er andere nicht, wird das was er sich erdacht hat zur Qual für sich und andere.  Insofern ist es nicht notwendig sich Gedanken zu machen wie man die Gesellschaft grundsätzlich ändern „muss“ damit es besser ist. Es ist notwendig zu Fragen warum seit tausenden von Jahren die Menschen nicht in der Lage waren friedlich miteinander umzugehen und keinen zu vernachlässigen. Man muss mehr in die Realität gehen und beobachten wie es ist. Die theoretischen Vorstellungen können selten 1 zu 1 auf Milliarden Menschen übertragen bzw. aufgezwungen werden. Schliesslich sind wir alle Individuen mit eigenen Vorstellungen, Wünschen und Träumen. Niemand kann und sollte das irgendwem absprechen. Diese Welt sollte für jeden offen sein, jedem das Recht auf Leben und Glück von Geburt bis zum Tode ohne wenn und aber sichern. Es sollte keine Grenzen geben.

Es wird nie eine Lösung für alle Probleme geben. Keine Ideologie wird jemals das Leben von allen Menschen einschliessen können. Deshalb werden alle Parteien immer scheitern. Deshalb werden wir uns im Streit nur im Kreis drehen, während rings um uns herum die Leute verhungern oder ums überleben kämpfen. Das ist doch kein Leben! Jeder Mensch ist für sich und andere verantwortlich. Jeder Mensch sollte sich daher Fragen was die wirklichen Ursachen der Schwierigkeiten lokal und global sind. Hierfür gibt es keinen Plan oder vorgeschriebenen Weg. Jeder Mensch hat individuell für sich allein diesen Fragen nachzugehen, wenn er sich irgendwann einmal glücklich schätzen will. Man kann gerne sich mit Ideologien auseinandersetzen, aber man muss vorallem deren Grenzen kennenlernen und sich dann fragen warum es diese Grenzen gibt. Das menschliche Denken ist begrenzt, folglich sind alle Ideologien begrenzt und würden Konflikte produzieren, wenn man sie in die Realität übertragen wollte.

Wir haben heute dieselben Probleme wie vor 500 oder 2000 Jahren. Wir denken uns etwas aus und verlangen von anderen Menschen das sie dem folgen was wir uns ausgedacht haben. Und dann wundern wir uns das es Konflikte gibt. Es ist absurd. Die schwachen Leute gehören zu den Verlierern dieser Gesellschaft, immer noch, es gibt nur in den „reichen“ Ländern ein relativ schwaches Solidarprinzip, während in anderen Nationen die Menschen glatt verhungern oder auf Müllbergen versuchen zu überleben. Wie ist das möglich? Wie sind diese Entwicklungen möglich geworden? Warum werden sie nachwievor hingenommen? Wo sind die Proteste? Wo die Debatten? Wo sind die rebellischen Jugendlichen? Saufen die sich wirklich alle ins Koma? Es ist erschreckende Bewusstlosigkeit, produziert von einer Gesellschaft die sich in weiten Teilen selbst ignoriert. Dies muss in Konflikten enden, ich kann es gar nicht oft genug betonen!

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Die Zeiten haben sich nicht geändert

Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, denn meine Tage ähneln sich immer mehr. Viele Menschen sehen darin den gewöhnlichen Rythmus eines Arbeiters oder Angestellten. Man steht auf, macht sich sauber, zieht sich an, geht zur Arbeit, arbeitet bis man völlig entnervt ist und geht dann nach Hause um sich hinzulegen. Dieser Ablauf wird dann immer und immer wieder bis zur Rente wiederholt. Nebenbei bleibt natürlich wie schon oft festgestellt, keine Zeit mehr um sich mit wirklich interessanten Dingen auseinanderzusetzen. Viele Projekte und Bücher bleiben in der Ecke liegen, ich kann mir keine neuen Erkenntnisse beibringen, – vorallem nicht unter Zeitdruck und ohne entsprechender Muse. Die Arbeit zerstört meine Möglichkeiten, obwohl sie mir das nötige Geld gibt um Nahrung, Lebensraum usw. zu bezahlen. Das aber etwas grundlegendes nicht stimmt, empfinde und denke ich mir andauernd.

Befreiung aus dieser Situation ist nur mit einem großen „sozialen Abstieg“ möglich oder mit einer langfristigen verstärkten Aktivität innerhalb der künftigen Jobs, mit entsprechender finanzieller Entlohnung. Beides ist Risikoreich, beides macht mich nicht glücklich. Die Probleme die sich tagtäglich ergeben sind vorallem kollektiver Natur, mit ihnen habe ich als Individuum kaum Chancen sie selbst zu lösen. Wenn bspw. der Markt dafür sorgt, dass ich soviel Arbeiten muss und so wenig bezahlt bekomme oder nicht die chance bekomme mich akademisch weiterzubilden weil es selbst mit Abschluss keine sichere Aussicht auf eine berufliche Tätigkeit gibt, dann ist das nicht nur für mich traurige Realität sondern für Millionen von Menschen. Wer kann schon machen was er will? Solange alles Geld kostet gibt es keine Möglichkeit genau das zu tun. Ähnlich die ganzen Hierachien, das sind alles Herrschaftssysteme, in der sich ein Mensch über den anderen stellt. Was das mit Freiheit zutun haben soll ist mir ein Rätsel. Offenbar betrachten die Menschen aber diese Dinge als Notwendigkeit, weil sonst die Erde im Chaos versinken würde, – oder so.

Es hängt aber immer davon ab was die Menschen wirklich wollen, wie weit sie mit ihrem Bewusstsein sind, wie weit sie ihre Konditionierungen abgestreift haben. Je fortgeschrittener das ganze ist, desto näher kommen wir alle dem Paradies. Die Ablehnung meinerseits gegenüber den Aberglauben dieses und jenes wäre nun das Rezept für das bessere Leben, und nur diese Lebensweise darf sich durchsetzen usw, ist gigantisch. Mir fällt es daher sehr schwer den Arbeitsalltag ohne lautstark zu protestieren durchzuziehen. Natürlich mache ich meine sachlichen Aufgaben, auch wenn sie langweilig sind, schlecht bezahlt sind, wenn sie keinerlei Neugier in mir wecken usw. Ich weiß das ich durch die Vorstellungen der anderen dazu gezwungen bin dies ersteinmal hinzunehmen. Denn ich habe keine Fähigkeiten, die mir erlauben, unabhängig zu leben. Man hat seit ich auf der Welt bin versucht, mich in eine degenerierte Gesellschaft zu integrieren, eine Gesellschaft die sich von sich selbst entfremdet hat und es noch nicht einmal selbst bemerkt und entsprechend bekämpft. Das ist alles ziemlich traurig und ich sehe anhand der Verhaltensweisen vieler Menschen, bei ihrer Jagd nach Spaß, Genuss und Anerkennung, wie ausgehungert diese Menschen sind. Das wird uns ins Chaos führen, weil das Bewusstlosigkeit ist.

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