Der schrille stumme Schrei der Partygesellschaft

Es ist 3 Uhr morgens als ich laute dumpfe Musik in ferner Nachbarschaft höre. Ich steige auf mein Fahrrad und fahre hin um zu sehen was dort passiert. Die Band heißt Deichkind und tritt auf einer Massenveranstaltung vor tausenden von betrunkenen kreischenden jungen Leuten auf. Als ich ankomme ist bereits alles vorbei und die Massen taumeln benebelt von den Drogen, der lauten Musik auf glitschigen Untergrund nach Hause. Die Tage davor hatte es öfter mal Regen gegeben, einige Autos steckten im Schlamm und kamen nur schwer von der Stelle. Die Veranstaltung liegt an einem See und überall sind Zelte von Fans aufgebaut. Einige hören laute Musik, schreien, grillen, hocken auf ihren Plastikstühlen, versinken darin, haben eine Freundin auf dem Schoss oder starren benebelt in die Nacht.

Die Atmosphäre ist gleichzeitig geladen und entspannt. Ich glaube die meisten sind hergekommen um ihre Probleme und Verzweiflung aus den Leib zu schreien oder sie irgendwie für ein paar Stunden zu betäuben. Es ist illusorisch, aber  viele Menschen probieren das weltweit ständig. Sicher findet irgendwo auf der Welt gerade dasselbe statt, in Italien oder Brasilien. Die Musik, die Menschen, die Drogen und das ländliche Umfeld mögen anders sein, aber im Kern geht es genau um dasselbe. Ein paar Stunden aus einem gewöhnlichen langweiligen traurigen Leben fliehen, welches mit den gesellschaftlichen Ketten der Leistungs- und Wettbewerbsprinzipien festgehalten wird. Es starten immer mehr Autos, viele Besucher steigen in Sonderbusse, andere gehen zu Fuß nach Hause, sie kichern, gackern, albern herum, reden nonsens und liegen sich hier und da in den Armen während sie weiter durch die Nacht stolpern.

Das sind die kleinen glücklichen Momente dieser mir so fremden Menschen. Ich habe nichts mit ihnen zutun, glaube aber sicher zu wissen was in ihnen vorgeht und warum sie das alles machen. Eigentlich ist es ein schöner Ort besonders in der Nacht. Aber die Veranstalter haben überall sehr helle Scheinwerfer aufgestellt, es gibt Sicherheitspersonal welches streng auf die vorbeiziehenden Gestalten blickt, aus einigen Ecken dröhnt weiter Musik und es gibt noch viele andere kleinere Lampen und Lichter die auf dem gesamten Platz verteilt wurden. Viele Menschen haben sich verabredet um gemeinsam und anonym eine Band zu feiern die scheinbar keine echte Richtung vertritt. Vorhin hörte ich etwas von Yippie Yippie Yeah und Remmidemmi typisches Partygegrölle, nutzlose Phrasen die die menschliche Leere nur oberflächlich stopfen können und recht schnell mit dem Alkohol ausgekotzt oder ausgepisst werden.

Brot und Spiele: Diese Leute sind erfolgreich mit ihrer Musik, haben es sich erarbeitet und damit irgendwie verdient. Sie fahren gleich nach ihrem Auftritt in einem großen roten Bus mit schwarzgefärbten Scheiben weg. Soll man ihnen einen Vorwurf machen? Sie sind erfolgreich mit ihrer Version von Ablenkung. Sie lösen nichts, sie versuchen nur glücklich zu sein, genau wie die Leute die für ihre Auftritte bezahlen und besaufen. Manchmal glaube ich den Menschen reicht es gewisse Illusionen und Träume zu haben, damit sie ihren jämmerlichen Alltag bewältigen und ertragen können. Das Wochenende ist Opium fürs Volk. Da darf man sich wenigstens ein bisschen entfalten, lebendig sein und überhaupt so sein wie man es gerne hätte. Da die meisten kaum einen Gedanken daran verschwenden was sie denn gerne wären, kommt meistens nur Bullshit dabei heraus. Sie werfen ihr Potential weg, schieben die Ketten für ein paar Stunden Spaß zur Seite und treten spätestens am Montag gehorsam willig oder widerwillig ihren Dienst an der Gesellschaft an.

Diesen Menschen fehlt es an einer Richtung, genau wie der Gesellschaft an sich. Es geht nur darum die notwendigen Leistungen zu erbringen, darüber hinaus gibt es nach dieser Logik nicht viel mehr. Wer die Leistung nicht erbringen kann, ist eben ein Verlierer, wird weggeworfen und vergessen. Wer ein paar Monate arbeitslos war und keinen Job fand oder wollte, wird wissen wie ich es meine. Seht Euch an wie man mit den Rentnern umgeht die kaum bis gar kein Geld besitzen. Wie geht es überhaupt den Menschen hierzulande und weltweit, die kaum bis keine Besitztümer, Qualifikationen oder dergleichen haben? Unsere tolle „soziale Marktwirschaft“ hat dafür genausowenig übrig, wie die Politiker etwas für ihre Bürger. Es geht letztlich nur darum die Verhältnisse beizubehalten. Die Leute sollen arbeiten und feiern. Andere profitieren davon und wollen natürlich nicht dabei gestört werden. Um derartiges in den einzelnen Fällen konkret nachzuweisen braucht es aber Menschen die sich lange Zeit präzise damit auseinandersetzen. Diese Menschen gibt es immer seltener, denn die Zeiten sind hart, jeder Job ist unsicher und jeder Mensch ist in einer Leistungsgesellschaft ersetzbar.

Alles was produziert wird muss auch gekauft werden. Es muss irgendwelche Idioten geben die sich nutzlosen Mist kaufen, die zuviel Essen, Rauchen, Saufen, sich ablenken und ihre Kritikfähigkeit, Zivilcourage und ihr Gewissen vergessen, verdrängt oder verkauft haben. Und wenn diese Leute noch krank werden, ist das auch sehr gut, denn dann kann man ihnen Medikamente verkaufen, sie zum Psychiater schicken der ihnen Medikamente verschreibt. Klar kostet das den Krankenkassen etwas, die holen sich das Geld von anderen Leuten, indem sie alte Menschen nicht mehr für teure Krebstherapien zulassen. Es gibt für alle Probleme Lösungen um den Profit zu steigern!

Und wer nicht arbeiten will, der muss einfach nur mehr gefordert werden. Wer in der Schule nicht funktioniert wird mit schlechten Noten bestraft, wer keine Ausbildung macht oder in einem Job arbeitet wird mit weniger Geld bestraft, alles was nur irgendwie den Produktions- und Korruptionskreislauf des wirtschaftlichen und politischen Machtapparates schwächen könnte muss bestraft werden. Und jene Menschen die folgen und fleissig arbeiten werden mit Geld belohnt, damit sie sich ein Stückchen Freiheit erkaufen und auf nichtssagenden Konzerten saufen können. Die nächsten Krisen kollektiv wie individuell sind schon vorprogrammiert, könnt ihr Euch alle drauf freuen!

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Eingeordnet unter Arbeitertagebuch

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