Zweite Woche

Ich habe eine zeitlang keine Sachen mehr geschrieben, weil sich ein gewisser Schreibdruck aufgebaut hat, der mich nicht sonderlich kreativ denken lässt. Zu berichten gäbe es schon einiges. Die Kollgen in der Firma, in der ich arbeite, lerne ich besser kennen und es baut sich ein wenig Ruhe und Vertrauen auf, – wenn auch auf rein sachlicher und oberflächlicher Basis.

Wenn ich sie mir so von Tag zu Tag ansehe, anhöre und beobachte wie sie ihren Arbeitstag durchleben. Dann merke ich wie sie immer wieder kämpfen. Sie kämpfen mit vielen sachlichen Fehlern und Problemen, die sie möglichst schnell bewältigen wollen. Und je öfter das Telefon klingelt und je öfter sie durch andere Kollegen gestört werden, desto unruhiger und aggressiver reagieren sie. Sie haben eine innere Anspannung und überspielen sie nach und nach mit kleinen Scherzen und Anmerkungen. Sie hangeln sich durch die Stunden und den Tag. Sie wissen, sie können nicht einfach alles hinschmeissen und rausgehen, was anderes machen und das Leben wirklich genießen. Denn sie stehen, genau wie ich und viele andere Menschen in tausend anderen Firmen, unter Leistungs- und Wettbewerbsdruck. Wir stecken im Kreislauf des Kapitalismus und wir brauchen jeden Monat Geld und dieses bekommen wir nur wenn wir schön brav alles tun und lassen, was uns sozusagen mitgeteilt wird.

Eigentlich ist das mitteilen und unterteilen von Aufgaben wie ein Befehl von einem General an seine Soldaten. Natürlich hat jeder Vorgesetzte, wie der Angestellte, Jemanden der über ihn steht und dessen Weisung er sich unterwerfen muss. Freiheit existiert nach meinen bisherigen Erfahrungen und Überlegungen also in keinem vom Menschen bisher geschaffenen System oder Markt. Wenn überhaupt gibt es nur Bruchteile davon und die sind auch nur sehr verkrüpelt. Das Leben was viele Menschen führen, unterscheidet sich kaum vom Sterben. Denn kaum jemand atmet, sieht, riecht, redet wirklich bewußt. Alles ist Routine.

Fast jeden Tag fahre ich mit der S-Bahn zur Arbeit. Sie ist meistens recht voll und viele Menschen sind müde, schlafen, schauen grimmig. Wenige lesen Bücher, ein paar mehr hören Musik und es gibt auch welche die nur ausdruckslos vor sich hinstarren. Jeder scheint so seine Mittelchen zu haben, um sich durch den Alltag zu treiben. Jeder hat seine Argumente warum er jeden Morgen aufsteht, raus in die Kälte, im Halbdunkel mit Fahrrad, Bus und Bahn in die Arbeit zu fahren. Es ist nicht nur Geld, es ist auch das Gefühl gebraucht zu werden, wichtig zu sein und Verantwortung zu tragen. Es ist das Wissen, sich etwas aufzubauen und weiterzukommen. Ist es nicht so? Warum wirken die Menschen dann so niedergeschlagen und ausgehungert? Ist es nicht mehr eine Qual? Eine Flucht in die Zukunft? Wollen die nicht alle etwas sein, obwohl sie diesen toten Zustand nie erreichen können?

Ich lerne und verstehe täglich. Das liegt aber nicht daran das ich mich im Tunnelblick auf die Arbeit und das Geld verdienen konzentriere, sondern weil ich aufhöre mich ständig selbst zu ficken. Jeder Mensch setzt sich selbst unter Druck. Jeder will besser, stärker, schneller, stolzer und wertvoller sein als vorher. Das nenne ich Sklaverei. Das nenne ich Selbstmord. So wird niemand Freiheit erleben und Liebe empfinden. Diese mechanisierte Welt ist voller Menschen die täglich ihr durchgeplantes Leben mit abgepackten, zerkleinerten Vorstellungen, Ideen und Zwängen füllen. Sie sind dabei sich jeden Tag Stück für Stück weiter einzugrenzen, weiter zu vernichten, weiter selbst zu belästigen. Seht Euch die Welt an, das ist nur das Ergebnis der inneren Einstellung von Miliarden Menschen. Wollt ihr sagen, da ist alles in Ordnung, machen wir so weiter?

Es bringt nichts, sich über die Arbeit aufzuregen. Solange man die Verträge einhält, solange man den üblichen ehrgeizigen Plänen der Meisten nacheifert, wird man niemals frei sein. Es gibt keine Freiheit in der Organisation, Moral oder Vernunft. Wir werden jämmerlich einschlafen, durch die Schlafmittelchen die wir selbst eingeworfen haben. Wir wollen nicht einsam sein, sondern immer beschäftigt sein, wir laufen vor unserem Geist und der Wahrheit davon. Meine Kollegen leben ihr Leben, auch wenn es beschränkt und so unendlich langweilig ist. Sie meckern über kleinste Problemchen und wissen gar nicht wie stark sie selbst schuld an ihrer Situation sind.

Ich werde sehen wie es sich bei mir entwickelt. Aber ich achte darauf bewußt zu leben, auch wenn ich durch die allumfassende  Propaganda, die Beschränkung als Freiheit verkauft, einiges zu leisten habe.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Arbeitertagebuch

Eine Antwort zu “Zweite Woche

  1. rajas

    Schmerzhaft muss ich zugeben, JA! Es ist alles in Ordnung.
    Mir gefällt das zwar so nicht, aber ich kann es nicht ändern.
    Wer kann?
    Noch ein Buddha? Ein Jesus-Remake? Weitere Propheten? Ein neues Buch? Ein neues „Aha!“ Ein „Jetzt hab ich´s?“ …
    Wir haben es so gelernt und tun Dinge, um zu und weil…
    Denn-wenn nicht-dann…
    Auf Angst gebaut und das Gebäude ist mittlerweile selbstständig übertrieben.
    Verfolgen wir jedes „Warum“ wir dies und jenes tun, obwohl es uns Leid bedeutet, landen wir bei dem was wir Tod benennen.
    „Wenn ich keinen Job habe, dann… und dann werde ich… und wenn mir keiner hilft-wer soll mir helfen… oh Gott, dann habe ich nicht… und dann…“
    Letztendlich landen wir bei dem, was wir fürchten, beim Tod.
    „Sicherheit“, „Vorsorge“, „sie brauchen dies, sie brauchen das“… wir machen WERBUNG damit, Politik und Religion. Wenn (nicht), dann!!!

    So müssen wir uns von Tag zu Tag „retten“ und kramen „Wissen“ aus einer Vergangenheit, die wir überlebt haben und tragen es in eine Zukunft, die unberechenbar noch gar nicht da ist, um zu leben.
    Dabei tragen wir an uns vorbei.
    Denn wir sind, wie Alles, unabdingbar, unveränderlich, in der Gegenwart.

    Der letzte Tag eines Lebens beginnt mit seiner Geburt.

    Welcher Mensch vermag zu leben?
    Jetzt, hier, einfach so?

    rajas

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