Kapitel 4

Wir hatten also Grün gegen Grau getauscht. Wir lebten ab sofort in einem Industriegebiet. Autos, LKWs, Flugzeuge rund um die Uhr. Und da wir direkt in einer Spedition lebten, gab es die Größte Ruhe nur zwischen 0 und 4 Uhr. Ansonsten war immer Betrieb, die Fahrer füllten und leerten ihre LKWs an den Rampen. Es gab Geschrei und Unfälle. Sie lassen die Motoren laufen und werfen Müll und Flaschen mit ihrem Urin ins Gebüsch nahe des Gebäudes. Sprich es war ein radikaler Umschlag. Gerade für mich war es ein richtiger Schlag.

Ohne großartige Pause ging es auf die neue Schule. Sie lag verwinkelt mit ein paar Bäumen etwas am Rande der Kleinstadt. Der Direktor war ein 1,70 Meter großer älterer Herr mit Glatze und minimalen grauen Flaum hinter den Ohren. Er begrüßte mich krächzend und wünschte mir alles Gute, mein Vater war dabei sagte dasselbe und ehe ich mich versah stand ich vor 30 neuen Gesichtern die mich alle musterten und mit kritischer Mimik verurteilten. Gegen 9 Uhr musste ich aufstehen und mich vorstellen. Dies war meine Chance, ich dachte, ich könnte alle Zweifel und Vorurteile aus den Köpfen stossen, wenn ich wie früher meine Mitmenschen zum lachen bringe und ihnen meine tolle Art zeige. Aber die Antwort war Stille, als ich heiterer Stimme meinen Namen, meine Herkunft und meine Zuversicht äußerte.

Ich hörte die Uhr ticken, Füsse auf den Boden tippen und die spürte die mitfühlende Lehrerin mit ihrem besorgten Blick. Nichts passierte. Mein Herz schlug schnell und aufgeregt. Ich war völlig überfordert und am Boden zerstört. Tapfer stand ich weiter und blickte hoffnungsvoll in ein paar pubertäre Gesichter. Wie sie aussehen, dachte ich. Die Eine hatte sich wild geschminkt, sie sah wie ein weiblicher Krieger aus, vorallem weil sie sehr knapp gekleidet war. Ein paar Jungs hingen cool in ihren Stühlen, starrten auf den Tisch und spielten mit irgendwas in ihren Händen. Ein paar schauten mich an, aber wenn ich sie ansehen wolle, schauten sie weg. Die Lehrerin brach letztlich die Ruhe und bedankte sich bei mir. Sie fuhr mit dem Unterricht fort und ich konnte mich setzen.

Einerseits war ich erleichtert, aber auf der anderen Seite wußte ich, dass dies nur die erste Schlacht des Krieges war. Ich begann damit, mein Leben als Krieg zu betrachten. Ich sah mich als Isolierter, Unverstandener und Außenseiter. Es machte mich stumm, traurig und zornig. Ab und zu begann ich die darauf folgenden Wochen noch Kontakte zu knüpfen, aber ich verlor immer mehr jegliche Hoffnung und auch jegliches Interesse an meinen Mitschülern. Ich vergrub mich in eine Fantasiewelt. Hing stundenlang vor dem Rechner. Eines Tages fand ich in einem Kiosk eine Zeitschrift die über harte Metal Musik berichtete. Es war wohl so eine Arz Szenemagazin und ich hatte gerade ein paar Münzen dafür übrig.

Ich betrachtete sehr genau die Gruppen die darin abgebildet waren. Es gab auch eine CD mit verschiedenen Hörbeispielen. Ich mochte nicht alle Stücke darauf. Aber manche Interpreten gaben mir Bestätigung. Fortan begann ich mich ernsthaft für die diese Musikrichtung zu interessieren. Ich ging in einen größeren Musikladen und schaute mir ein paar CDs an. Von meinem geringen Taschengeld kaufte ich mir hier und da etwas. Ich ging nur nach den Abbildungen auf den CDs. Was mir künstlerisch gefiel, von der Aufmachung oder der Zeichnungen her kaufte ich letztlich auch. Einige Stücke verstand ich erst nach mehrmaligen höhren. Ich begriff nach und nach die Empfindungen der verschiedenen Musiker und fand mich in einer ganz bestimmten sehr besonders wieder. Ich fühlte mich dabei unheimlich frei und geborgen. Mein neuer Freundeskreis war geboren.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Eigenes Buch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s