Geldmaschine „Deutschland sucht den Superstar“

16. Februar 2008, 10:54 Uhr – Von Tina Kaiser – www.welt.de

Fünfeinhalb Jahre später ist „Idol“ eines der erfolgreichsten TV-Formate der Welt. Laut US-Fachzeitschrift „Advertising Age“ ist allein die Marke „American Idol“ rund 2,5 Milliarden Dollar wert. Die Lizenz gehört mittlerweile der Bertelsmann-Produktionstochter Fremantle Media, die die Sendung bis heute in 41 Länder verkauft hat.

Dabei wird nichts dem Zufall überlassen. Eine rund 100 Seiten dicke Formatbibel gibt jedes Detail vor: Von der Studiodekoration bis zum bösen Buben in der Jury. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten mimt diese Rolle Musikmanager Simon Cowell („Wenn du so vor 2000 Jahren gesungen hättest, dann hätten dich die Leute gesteinigt“), in Deutschland ist es der selbsternannte „Pop-Titan“ Dieter Bohlen („Wenn du deine Stimmbänder in Säure schmeißt, dann haben wir ein gelöstes Problem“).

Superstar-Gewinne lassen Mitbewerber vor Neid erblassen

In Deutschland hat der Medienkonzern Bertelsmann eine bis zur Perfektion getrimmte Vermarktungsmaschinerie entwickelt, an der mittlerweile fast alle Konzerntöchter mitverdienen. Die Bertelsmann-Firma Grundy Light produziert die Show und gibt sie dann an den Bertelsmann-Sender RTL weiter. Der wiederum verhökert mit seiner Merchandising-Tochter alles, worauf eine Superstar-Nase gedruckt werden kann: T-Shirts, Tassen, Sammelkarten, Gesellschaftsspiele und Bücher.

Ebenfalls im Bertelsmann-Reich wird die DSDS-Zeitung verlegt. Dort erfuhr man in der vergangenen Staffel zum Beispiel, warum der 24-jährige Thomas Enns noch Jungfrau ist oder dass Gewinner Mark Medlock Silvester einen Tag zu früh gefeiert hat. Mit einer Auflage von 250.000 Stück werden die Hefte öfter gedruckt als beispielsweise das Wirtschaftsmagazin „Capital“. Schließlich hält der Medienkonzern auch die Hand bei Plattenverkäufen auf. Der Gewinner muss mindestens ein Album bei der Plattenfirma SonyBMG aufnehmen, auf alle zehn Finalisten hält SonyBMG eine Option für das erste Album.

Superstar erreicht Traumquote von über 30 Prozent

Seit Ende Januar läuft die fünfte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ bei RTL. Schon jetzt ist die skurrile Talentshow ein Erfolg. Durchschnittlich 32,4 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer erreichten die Casting-Sendungen bislang. Selbst das Länderspiel Deutschland gegen Österreich am 6. Februar unterlag im Quotenvergleich der Superstar-Suche im Fernsehen.

Hohe Investitionen müssen eingespielt werden. DSDS ist zurzeit die teuerste Unterhaltungssendung im deutschen Fernsehen. Rund zehn Millionen Euro lässt sich RTL laut Expertenschätzungen allein die Produktion der Castings und der Liveshows kosten. Dazu kommen Lizenzgebühren in Millionenhöhe. Dank der bis an die Grenzen des Machbaren ausgereizten Verwertungskette holt der Sender die Kosten locker wieder rein.

„It will be a soap opera“, soll „Idol“-Juror Simon Cowell schon 2001 über das Format gesagt haben. Und genau das setzt RTL um: Der Sender macht aus dem Gesangswettbewerb eine gigantische Seifenoper. Nicht nur die Geschichten der begabten Hauptdarsteller, sondern selbst die der talentfreien Statisten werden auf allen denkbaren Wegen in Geld verwandelt.

Wichtigste Einnahmequelle bleibt die Werbung

Bis zu 75.540 Euro kostet in der aktuellen Staffel ein 30 Sekunden langer Spot. Mehr Geld bringen nur einige Hollywoodfilme, Boxkämpfe oder Fußballspiele. Fast genauso wichtig sind die Anrufe der Zuschauer, die über Sieg und Niederlage der Kandidaten entscheiden. Etwa 25 Millionen Menschen greifen pro Staffel zum Hörer. Bei 49 Cent pro Anruf macht das 12,25 Millionen Euro. Wer am Ende gewinnt, ist für den Erfolg des Formats dagegen relativ egal. Echte Superstars hat RTL ohnehin noch keine gefunden.

Es sind vor allem die Talentlosen mit ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung, die die Zuschauer vor den Fernseher locken. Jene, denen Eltern und Freunde leider nie gesagt haben, dass sie absolut nicht singen können, und die sich weit über jede Schmerzgrenze hinweg vor einem Millionenpublikum blamieren. Gäbe es diese Wahnsinnigen nicht, könnte Bohlen auch nicht so hemmungslos gemeine Sprüche schmettern. Die fiesen Kommentare wie „Das klingt, als wenn sie dir den A . . . zugenäht haben und die Sch . . . oben rauskommt“ erfüllen ihren Zweck: Der Kulturrat, die Jugendschützer, eigentlich ganz Deutschland regt sich auf. Tägliche Berichterstattung ist damit garantiert. Warum die Leute am Ende einschalten – ob aus Ekel, Faszination oder Begeisterung – kann RTL letztlich ziemlich egal sein.

Perfekte Vermarktung über die ganze Sendergruppe

Ein besonderer Glücksfall war in dieser Staffel Raymund R. Der 17-Jährige zappelte beim Casting in Köln unbeholfen herum und quietschte dabei so furchtbar schief, dass man Bohlen sein Urteil kaum übel nehmen konnte. „Wenn du in die Berge gehst und rufst ‚Hallo, Echo’ – dann kommt kein Echo. Denn Echos haben auch Geschmack.“ Raymund war das zu viel. Er kollabierte vor laufender Kamera. Zwei Wochen später tat er den RTL-Managern den Gefallen gleich noch einmal und ließ sich schlagzeilenträchtig ins Krankenhaus einliefern. Der Sender reagierte in gewohnter Profi-Manier und schoss aus allen Rohren. Sämtliche Magazin-Formate, ob „Explosiv“, „Exclusiv“, „Punkt 6“, „Punkt 9“ oder „Punkt 12“, berichten bis zum Exzess.

Während der Staffeln wird am Tag mindestens eine Sendestunde der Magazinsendungen mit DSDS gefüllt. Dazu zeigt der Schwestersender Super RTL einmal die Woche in „DSDS – Das Magazin“ weiteres Hintergrundmaterial zu Kandidaten und Jury. Bei Grundy Light gibt es einen Manager, der nur damit beschäftigt ist, die menschelnden Geschichten von Liebe, Streit und Tränen gerecht zu verteilen.

RTL-Online-Portale profitieren mit

Auch im Internet gibt es auf dem RTL-Videoportal Clipfish oder auf Dsds.de mehr DSDS-Recycling. Die DSDS-Website wurde während der vierten Staffel im Monat 300 Millionen Mal angeklickt. Bravo.de schafft etwa 33 Millionen Klicks.

Auch an den talentfreien Kandidaten verdient RTL ordentlich mit. In der letzten Staffel schaffte es die Bäckereifachverkäuferin Johanna mit schiefem Gesang („Ich hab die Haare schön“) und einer blanken Brust („Ich hab auch die Möpse schön“) zu deutlich mehr Prominenz als die meisten Finalisten. Mit Superstar hat das zwar nichts zu tun, RTL verkaufte Johannas Credo „Dabei ist alles“ trotzdem tausendfach als Klingelton.

Johanna tingelt jetzt übrigens mit einem anderen DSDS-Antihelden recht lukrativ durchs Land. Der 23-jährige Menderes Bagci tauchte bei jeder der fünf Staffeln als quälend schlechter Michael-Jackson-Imitator auf. Im Januar erteilte ihm Bohlen schließlich 6000 Jahre Casting-Verbot. Für Menderes kein Problem. Johanna und er bekommen laut „Bild“ pro Abend je 500 Euro in Dorfdiskos und auf Schützenfesten – bei zehn Auftritten im Monat. Menderes plant angeblich auch eine eigene Single. Das Abendgymnasium hat er jedenfalls schon mal abgebrochen.

Viel besser verdienen später die Superstar-Gewinner auch nicht. Schätzungen zufolge gehen weniger als fünf Prozent der Einnahmen an die Künstler. Ab dem zweiten Album können sie theoretisch über bessere Verträge verhandeln, doch dann interessiert sich meist kaum noch jemand für sie, weil schon der nächste Superstar der Folgestaffel in den Startlöchern steht.
„Idol“-Erfinder Simon Fuller dürfte dagegen gar nicht mehr wissen wohin mit dem Geld. Zwar verkaufte er die TV- und Merchandising-Rechte an Fremantle, er profitiert jedoch durch eine Gewinnbeteiligung an allen Superstar-Devotionalien mit. Seine Künstleragentur 19 Entertainment hält außerdem weltweit die Rechte am Management der Finalisten. Fuller hat seine simple Idee von einem Talentwettbewerb zu einem der reichsten Menschen Großbritanniens gemacht: Die britische Zeitung „Times“ schätzte sein Vermögen 2007 auf 450 Millionen Pfund (606 Millionen Euro). Zum Vergleich: Der Fußballer David Beckham kommt dagegen nur auf mickrige 112 Millionen Pfund – und muss das Geld auch noch mit seiner einkaufsversessenen Frau Victoria teilen.

Dank an Tina Kaiser für diesen Artikel  – www.welt.de
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2 Antworten zu “Geldmaschine „Deutschland sucht den Superstar“

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