Was Leib genannt wird, ist ein Teil der Seele, der durch die fünf Sinne erkannt wird

Ein riesen Text. Solltet ihr wohl besser ausdrucken…

Descartes glaubte, dass Hunde, ja alle Tiere, Automaten ohne Bewußtsein wären. Das schmerzensgschrei eines Tieres ist wie das Schlagen einer Uhr. Mein treuer Freund ist eine Maschine. Seine Treue ist nur ein Reflex. Er empfindet keine Kälte. Da ist es dann interessant, dass der große Mann selbst einen hund besaß, Mister Scratch, den er sehr liebte.

„Ich weiß, dass ich bin“, sagte Descartes, „die Frage ist was ist dieses ‚Ich‘, das ich kenne?“ Er war sichganz sicher, dass das Ich, das er kannte, nicht sein Körper war.
„Ich bin nicht diese Ansammlung von Gliedern“, sagte er, aber natürlich wußte er, dass er es doch war. Genauso, wie er irgendwo geglaubt haben mußte, das Mister Scratch
in einem gewissen Umfang ein Bewußtsein besaß.

Ich bin vielleicht nicht so klug wie Descartes, aber ich vertraue meiner Intuition, und mir scheint, dass mein Körper ein wichtiger Teil dieses Ich ist, das ich kenne. Er ist der
physische Apparat, über den ich die direkte Kontrolle habe, das Ding, das ich auffordere, ins eisige Wasser zu springen, das Ding, das zur Arbeit geht und mit Patienten spricht
und Vorlesungen hält. Ohne es verlasse ich nicht das Haus.

Mein Körper hat gewisse Grenzen (die im großen und ganzen durch meine Haut bestimmt sind), welche ihm eine charakteristische Form verleihen. Und wenn ich ihn von einem
Ort zum anderen dirigiere, gehen meine Gedanken und Erfahrungen mit ihm mit. Wenn es Ihnen aus irgeneinem Grund nicht gut geht und ich sage: „Meine Gedanken sind bei Ihnen“, dann glauben Sie mir nicht. Meine Gedanken sind ausgesprochen bei mir. immer. Wenn jemand glaubt, dass seine Gedanken von seinem Körper woandershin versetzt worden sind oder dass man die Gedanken anderer in seinen Kopf hineintun kann, dann zeigt er Anzeichen von Geisteskrankheit.

Mein Körper ist zweifellos ein Teil von dem, was ich als mein Ich betrachte. Es ist der Teil meines Ich, den man wiegen und messen kann. Er wirft Schatten und besitzt Eigenschaften
genauso wie andere Objekte, seien es Bäume oder Aktenschränke, Autos oder Planeten. „Denn das, was Leib genannt wird, ist ein Teil der Seele, der durch die fünf Sinne erkannt wird“, schreibt William Blake.

Ich habe das ausgesprochene Gefühl, dass ich mich in meinem Leib befinde. Ich fahre mein Auto auf den Strand und treibe meinen Körper dazu, sichdem kalten Anprall der Welllen
auszusetzen. Auf dem Weg zum Strand sehe ichdurch die Windschutzscheibe hecken und Bäume vorüberhuschen, und wenn ichins Wasser laufe, sehe ich die Wellen und den Himmel wie durch die Windschutzscheibe meiner Augen. ich fühle, dass ich in meinem Körper gehöre, und identifiziere mich mit ihm auch auf andere Weise. Wenn ich ihn beispielsweise zwischen anderen Körpern auf einem Foto abgebildet sehe, sage ich vielleicht etwas wie „Das bin ich“, oder „Ich bin das da“. Etwas Ähnliches würde ich sogar beim Anblick eines alten Fotos, das mich als Baby zeigt, sagen, ungeachtet der Tatsache, dass jener Körper keine Ähnlichkeit mit dem aufweist den ich zur Zeit habe. <<

Paul Broks genießt den Luxus seinen Körper und sein Ich als das Seinige zu identifizieren und zu aktzeptieren. Ich gehöre nicht zu seiner Sorte. Ich bin mir fremd, in Körper und Geist. Ich habe Angst als Mensch in dieser Welt zu existieren. Ich will nicht handeln als das, wofür man mich hält. Es ist nicht mein Wille zu leben oder zu sterben. Ich bin einfach da.
Weiter im Text.

>>Wenn auf der Straße jemand an meinem Körper vorbeikommt, der ihn erkennt, dann grüßt er ihn vielleicht und benutzt dabei meinen Namen. Ein Name ist eine andere Möglichkeit, die wir haben, um an uns zu denken – ein Etikett, um unsere Körper zu identifizieren und das, was sie tun, zu bezeichnen. „Der, der da drüben ins Meer läuft, das ist Paul.“ Seinen Namen kann man wechseln, aber nicht seinen Körper.<<

Denk nur weiter: Der Name ist eine Marke, ein Produkt, damit gleichstehend ist der Körper ein zum Verkauf ausstehendes Produkt der Gesellschaft, nichts weiter als ein unselbstständiges, abhängiges Objekt das verzweifelt um geistige Freiheit winselt, sich aber häufig genug äußerst gern im Dreck wälzt und Orgien darin feiert! Ich verabscheue Namen. Sie sind nur Schall und Rauch. Sie erinnern einen wie erbärmlich das Sein ist. Der Mensch braucht die Grenzen seines Körpers, schon alleine weil er Veränderungen geistig nicht ertragen kann.
Weiter im Text.

>>Ich fühle also, dass ich meinen Körper bewohne (eine stärkere Intuition gibt es nicht), und damit geht ein Gefühl von Inhaberschaft und Macht einher. Es ist mein Körper, und ich
kontrolliere ihn. Ich bringe ihn dazu, etwas zu tun. Außerdem trägt mein Körper zu meinem Gefühl von Kontinuität bei – dem Gefühl, dass ich von einem Tag zum nächsten dieselbe Person bin. Jeden Tag, wenn ich in den Spiegel sehe, erwarte ich, mehr oder weniger dasselbe zu sehen. Ich wäre überrascht, sähe ich eines Tages Nelson Mandela oder eine Frau oder ein riesige Motte. Ich wäre ganz schön durcheinander. Wahrscheinlich würde ich den Tag freinehmen.<<

Ich fühle mich verhöhnt. Ich bin jedesmal ganz schön durcheinander im Spiegel einen Menschen zu sehen. Ich fühle mich ganz und gar nicht wie einer. Kann mich nicht zerstören.
Mein Kadaver ist alles was mich als Mensch ausmacht. Ich könnte ihn nicht aufschlitzen. Er würde mich genauso verhöhnen wie Paul Broks. Andere können es. Diese sind aber
Geisteskrank genug.
Weiter im Text.

>>Das Ich mit dem Körper gleichzusetzen scheint also durchaus vernünftig zu sein, aber es gibt da eingie Probleme. Zum Beispiel sind die Grenzen des Körpers nicht so leicht zu
bestimmen. Wieweit sind unsere Haare und unsere Fingernägel ein Teil von uns? Was ist mit Körperflüssigkeiten? Oder mit unserer Nahrung? Ich nehme eine Erdbeere aus einem Korb, esse sie, und sie wird meinem Körper einverleibt. An welchem Punkt wird sie zu einem Teil meines Körpers und damit ein Teil von mir?<<

Sobald sie in ihre Nähranteile zersetzt wurde und winzig klein in der Blutlauftbahn schwimmt. Ist eigentlich eine Frage die nicht unbedingt für mich persönlich wichtig ist. Man fühlt Haare und Fingernägel nicht, weil keine großartigen Nervenstränge vorhanden sind wie anderswo und somit die Verbindung zum Hirn usw. fehlt. Alles ohne Nerven ist nicht Teil des Körpers,
sondern hat nur eine Schutzfunktion. So meine Behauptung.
Weiter im Text.
>>Nun mag ich ja das Gefühl haben, dass ich einen Körper bewohne und beherrsche und dass dieses Gefühl grundlegend ist für mein Ich-Gefühl, aber es gibt vieles an meinem Körper, was ich nicht direkt beeinflussen kann. Ich kann den Alterungsprozeß nicht aufhalten. Ich kann nicht verhindern, dass mein Körper einen Tumor entwickelt oder eine degenerative Erkrankung des Gehirnes, wenn meine Gene des diktieren. Und es gibt Millionen von physiologischen Prozessen, die in meinem Inneren ablaufen, von denen ich kaum etwas weiß, geschweige denn, dass ich sie kontrollieren könnte.

Obwohl ich von mir behaupten möchte, mehr über die Biologie des Menschen zu wissen als der Durchschnittsbürger, habe ich doch nur sehr allgemeine Vorstellungen von meinem inneren Bestandteilen. Viele intelligente Menschen mit einem absolut funktionsfähigen Ich-Gefühl haben nicht die blasseste Ahnung, was in ihrem Inneren vor sich geht. Für das alltägliche Geschäft, eine Person zu sein, ist das auch weitgehend irrelevant. Wenn man Auto fährt, muß man ja auch nicht unbedingt wissen, wie der Motor funktioniert.

Selbst wenn wir an das denken, was wir selbst bestimmen, an jene Aktivitäten des Körpers also,durch die wir unseren freien Willen ausüben (zum Beispiel absichtliche Bewegungen der Glieder, der Finger, des Kopfes, der Sprachwerkzeuge usw.) selbst da müssen wir uns eingestehen, dass das Maß unserer Kontrolle manchmal so gering ist, dass wir genau die
gegenteilige Wirkung vonder beabsichtigten erzielen. Das Täuschen anderer Leute ist ein gutes Beispiel. Wenn Menschen Gefühle zeigen wollen, die sie nicht haben, oder Dinge sagen, die sie nicht wirklich denken oder glauben, dannwerden sie häufig durch Anzeichen, die das Gegenteil signalisieren, verraten. Das ist nicht nur so, wenn wir lügen, sondern auchh, wenn wir aus gutem Grund ganz schlicht versuchen, einen falschen Eindruck zu vermitteln, um die wahre Situation zu verschleiern.

Paul Ekman, ein Pionier auf dem Gebiet der emotionalen Ausdrucksmittel, führt einige dieser verräterischen Zeichen auf: „…eine Bewegung des Körpers, eine Veränderung des Tonfalls, ein trockenes Schlucken, ein tiefer oder flacher Atem, lange Pausen zwischen den Wörtern, Versprecher, winzige Veränderungen des Gesichtsausdrucks, eine verräterische Geste…“ Man könnte großartig lügen, meint Ekman, aber für gewöhnlich tut es keiner. Und dann kann es vorkommen, dass wir das, was wir tun, vollkommen unter Kontrolle haben, aber unser Benehmen auf irgendeiner Ebene doch nicht so ist, wie wir es wünschen oder beabsichtigen. Wir handeln gegen unser besseres Wissen, geben eine Versuchung nach.

Als ich mit diesem letzten Abschnitt fertig war, stand ich auf und ging zur Toilette. Ich habe absolut keine Ahnung, wie ich das gemacht habe. Ich hatte einen ‚Drang‘ verspürt, war
aufgestanden – und schon utnerwegs zur Toilette, wo ich auf wunderbare Weise, mühelos in die Kloschüssel urinierte. Fragen Sie mich nicht, wie. Ich betrachte es als selbstverständlich, dass ich es ganz einfach ‚denken und tun‘ kann. Die koordinierten neutralen, musculo-skelettalen und urogenitalen Vorgänge, die an dem Unternehmen eines Toilettenganges beteiligt sind, sind unglaublich komplex. Ich habe es einfach geschehen lassen. Ich besitze eine phänomenale Kontrolle über neurobiologische Vorgänge, die niemand auf der Welt völlig begreift, und ich brauche noch nicht einmal darüber nachzudenken.

Das erinnert mich daran, darauf hinzuweisen, dass wir, auch wenn wir über unsere willkürlichen handlungen absolute Kontrolle und auf jeder Stufe die Absicht haben, sie durchzuführen immer noch nicht genau verstehen, wie ein Willensakt in eine komplexe Abfolge biologische Aktivitäten übersetzt wird (oder umgekehrt). Wir sehen also, dass der Körper hinsichtlich der Art und Weise, wie wir über uns denken, eine wichtige Rolle spielt. Die Annahme, dass jeder von uns einen Körper hat und die Kontrolle über diesen Körper besitzt, scheint etwas Natürliches zu sein. Aber wir sehen auch, dass es schwierig ist, das Ich mit dem Körper als ganzem zu identifizieren (weil die Grenzen so verschwommen sind) oder auch nur mit einem bestimmten Teil desselben. Darüber hinaus sind die Kontrolle, die wir über unseren Körper haben, und unsere Kenntnis der daran beteiligten Vorgänge sehr unterschiedlich. Wie ich schon sagte, ist es vielleicht der Gedanke,
einen Körper zu haben, der wirklich wichtig ist.

Man könnte auf den Gedanken kommen, dass das Gesicht und das Ich in besonderer Weise übereinstimmen. Nichts sonst strahlt soviel Vitalität aus, und diese Vitalität scheint von innen zu kommen. Gesichter sind Annäherungspunkte zwischen Menschen. Im Gesicht scheinen wir das Wesen eines anderen auszumachen, und dort siedeln wir auch uns selbst vorzugsweise an – irgendwo hinter den Augen. Milan Kundera schreibt in seinem Romand ‚Die Unsterblichkeit‘: „Ohne den Glauben, das unser Gesicht unser Ich ausdrückt, ohne diese grundlegende Illusion, diese Erzillusion, können wir nicht leben, zumindest das Leben nicht ernst nehmen.“<<
Der Stoff, aus dem das Ich besteht

Für uns ist das Gesicht ein Emblem des Ich. Es erzeugt starke Illusionen. K. hat vielleicht recht, wenn er meint, dass es schwer wäre, als Mensch zu funktionieren, ohne das Emblem
und die Illusion zu akzeptieren. Aber es wäre ein Fehler, das Gesicht mit dem Ich gleichzusetzen. Das Gesicht ist einfach ein anderer Körperteil. menschen mit einer furchtbaren Entstellung des Gesichts haben nicht weniger ein Ichbewußtsein als Leute, die einen Arm oder ein Bein verloren haben. In mancher hinsicht ist ihr Ichbewußtsein vielleicht sogar verstärkt.

Das Gesicht ist bloß eine fleischige Struktur, die von Muskeln, welche an der Knochenstruktur des Schädels befestigt sind, belebt wird. Es enthält Informationen hinsichtlich unserer Identität (wer wir sind), unseres Geschlechts und unseres Alters (alles wichtige Aspekte unseres ‚öffentlichen Ich‘), also darüber, wer und was wir im Hinblick auf die diesbezüglich objektiven sozialen Fakten sind. Man kann sich diese insofern als die ’statischen‘ Merkmale des Ich vorstellen, als sie relativ festgelegt und von Dauer sind. Zusätzlich – und zwar durch veränderte Bewegungsmuster (Minenspiel, Blick) – übermittelt das Gesicht Signale imHinblick auf andere, dynamischere Apsekte wie zum Beispiel unseren Gemütszustand, die Richtung unseres Interesses und unsere augenblicklichen Absichten.

Diese Aspekte sind doppelter Natur, das heißt teils öffentlicher und teils privater. Man kann mit Hilfe der Gesichtssignale auf den seelischen Zustand und das voraussichtliche Verhalten schließen. Die Information ist insofern öffentlich, als sie für jeden wahrnehmbar ist. Aber meine Gedanken und Gefühle kann niemand direkt kennen, – das heißt erleben.

Allgemeine Denkanstöße und Fortführung des Kurzschlußes

Das Gehirn denkt,
es sei eine Seele

Wie die Erdoberfläche, so ist auch das Gehirn so gut wie vermessen. Da gibt es keine Geheimfächer, die dem Skalpell des Chirurgen oder dem magnetischen Blick des Scanners nicht zugänglichsind, keine geheimnixvollen Körpersäfte, welche sich durch die Hirnkammern ausbreiten, keine Seele in der Zirbeldrüse, keinen Lebensfunken, keine Geister im finstren Wald. Da gibt es nichts, was man nicht genauso wiedie physischen Eigenschaften anderer Objekte berühren oder drücken, wiegen oder messen kann. Nach irgendeiner Erscheinungsform des Ich wird man in den Strukturen des Gehirnes umsonst suchen – es gibt also keinen Geist in der Maschine. Es ist an der Zeit, erwachsen zu werden und diese Tatsache zu akzeptieren.

Aber irgendwie sind wir das Produkt dieser Maschine und ihres Vorwärtsschreitens durch die physische und soziale Welt. Der Geist entsteht aus Prozeß und Interaktion, nicht aus Materie. Wir bewohnen gewissermaßen den Raum zwischen den Dingen. Wir existieren in der Leere.

Autor: Unbekannt.

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