Fäulnis – Letharg

Alleine die Aufmachung des Datenträgers liegt schwer und sinnlich in der Hand. Ich sehe nicht sofort alles. Erst muß ich das Werk vom Mantel enthüllen, um es in nackter Pracht glänzen zu sehen. Ein menschliches Antlitz mit gesenkten Kopf ist in diesem Glanz zu erkennen. Es wirkt auf mich traurig und unnahbar. Die Farbenspiele auf diesem Bild lassen mich schon ein wenig zweifeln, ob ich dieses Werk überhaupt wirklich zu verstehen weiß. Sehr durchdacht und konzentriert das Ganze.

Diese Zweifel wollen nicht abreissen. Eher noch werde ich darin bestärkt, durch das Lesen der sprachlichen Inhalte. Ich fühle mich bestätigt, auch wenn die Formulierungen völlig neu erscheinen. Die Wirkung ist berauschend und betäubt meine Sinne weiter. Die Darstellung der Texte ist konsequent und klar. Mein Taumel beginnt bereits vor dem Hören der eigentlichen Musik von Fäulnis. Kritik fällt mir immer schwerer. Vieles wirkt gekonnt und bewußt.

Fäulnis - Letharg

Mein subjektives Bild wird nach dem Konsum der ersten Minuten dieser unverbrauchten Musik nicht erschüttert. Ich werde sogar noch viel weiter verschleppt in die unendlichen Gänge und Höhlen der Versklavung. Man zersäbelt mir die Glieder mit den ersten Klängen, ich kauere nur noch wie ein kleines Kind auf dem Boden, und lasse mich von den Tönen und Melodien massieren und schütteln.

Gelegentlich schrecke ich auf; da ist doch wohl ein Ausschnitt aus dem Film Dark Water zu hören? Ich erinnere mich gerne an dieses asiatische Release, welches mit viel Regen und dunklem Schleier eine Geschichte zu erzählen wußte, die mich schnell nachdenklich stimmte. Die musikalische Untermalung hatte dabei keine untergeordnete Rolle. Umso stärker schwang ich mit den klumpenhaften Tritten in mein Seelenmeer, – die Fäulnis permanent arangierte.

Einzig die Orgel will mir anfänglich nicht so passen, sie stößt mich wieder in die Realität. Sicherlich hat sie durchaus Potential. Sicherlich ist sie nicht völlig fehl am Platze. Immerhin wurden aber meine Ansprüche durch die vorherigen Minuten viel höher geschraubt, und ich war mir meiner Sinne plötzlich wieder für Kritik bewußt. Unausgeglichen und unwohl fühle ich mich während diesem Alleingang der Orgel. Ich weiß nicht wohin mit mir und meinen Gedanken.

Ich betatschte die Hülle der CD wie eine Frau die ich niemals liebte. Die Fingerabdrücke zeichneten sich immer häufiger und aggressiver darauf ab. Mein Ekel stieg und ich dachte ich könnte nicht verstehen was mit mir vorgeht, als Haufen Fleisch und Knochen. Ein Funken Hoffnung lies mich weiteratmen und lauschen. Irgendwie hielt ich diese Durststrecke durch, obwohl ich in Zwiespalt mit mir selbst kam.

Ich wurde nicht enttäuscht, nein, – sogar belohnt und wieder nakotisiert mit der Vorlese eines der abgedruckten Texte durch einer saftigen, traurigen und jungen Stimme. Die Laute und Inhalte wußten mich schnell zu überzeugen. Die Wirkung lag auf demselben hohen Niveau.

Ein Fazit

Im Prinzip spricht für sich; was publiziert wird, ich brauche nichts erklären und kann auch nichts dazu erklären. Ich hoffe sehr, dass Fäulnis weiterhin so beständig eine Funktion im Sein ausübt, die viele Menschen krampfhaft ignorieren und verdrängen. Ich spüre ganz entfernt, was Fäulnis versucht auszudrücken. Zumindest entwickle ich eine Intuition, was gemeint sein könnte. Genau deswegen fühle ich mich mit diesem Tonträger verbunden.

Man kann sich von der Existenz nicht trennen, gleich was man in seiner Verzweiflung versucht. Ein Verständnis für die Verzweiflung zu entwickeln, um mit ihr umgehen zu können ist eine Leistung die man gar nicht genug begrüßen kann. Ich sehe in Fäulnis daher etwas sehr positives und halte es bspw. für unangebracht dieses Werk so wie Christhuntproductions zu beschreiben („Ein krankes, schwarzes und emotionales Werk„), gerade weil es eben nicht in diesen Ansprüchen gedeihen wird.

Wer Fäulnis verstanden hat, wird sich so dafür begeistern können wie ich es bereits tue. Ich empfehle jeden sich mit allem was Fäulnis produziert ernsthaft auseinanderzusetzen.

(Geschrieben am 20.12.2005 – Mit freundlicher Genehmigung von Fäulnis)

WebseiteMyspaceHörprobe

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