Der nächste Tag

Jeden Morgen kommt das böse Erwachen. Wieder im selben Grauen aufgewacht. Das Leben ist stets verhängnisvoll geblieben, egal was probiert wurde. Es hat sich nicht gelohnt, sich anzustrengen oder tapfer zu sein. Es hat nie etwas bedeutet auf der Welt zu sein. Immer, wenn man glaubt, es könnte nicht aussichtsloser werden, beginnt ein neuer Tag. Wie die anderen Menschen ihre offenkundig entleerte und entleerende Tätigkeit aushalten können, bleibt rätselhaft. Offenkundig wird Genuss daran gefunden, überhaupt nichts zu sein. Es sieht nicht danach aus, dass ich mir das noch lange ansehen kann. Schwer zu sagen, warum mein Leben immer wieder in einer Sackgasse enden muss. All die Jahre voller Opfer, Entbehrungen und harter Arbeit für immer neue Enttäuschungen, Verletzungen und Verluste. Wann ist es genug? Nie. Das Leben funktioniert so. Man verausgabt sich bis auf die Knochen und dann stirbt man. Niemand hat gesagt, das es fair oder gerecht zugehen wird, soll der muss. Es ist allen völlig egal, ob es gerecht oder fair zugeht oder zugehen wird. Hauptsache man selbst kommt irgendwie durch. Das grauenhafte der Welt liegt in den Gedanken und Taten jedes Einzelnen. Keiner ist unschuldig. Die Verantwortungslosigkeit gehört zum Alltagsleben wie die Sprache. Ich hätte mir an irgendeinem Punkt verbieten müssen, weiter über all das nachzudenken. Aber ich war unfähig zur Ignoranz. Das wird nur noch von der Unfähigkeit übertroffen, etwas an diesen Zuständen zu ändern. Ich bin nicht einmal in der Lage mich selbst zu ändern. Ich spüre mich kaum noch selbst. Ich konnte keinen Halt finden in dieser Gesellschaft. Es gibt keinen Platz, keinen Ort und keine Perspektive. Es ist alles abgesucht, soweit das eigene Auge und Budget reichte. Die Ausgangsbedingungen waren nie günstig und dann kamen noch eigene Fehler und Unzulänglichkeiten dazu. Da reicht es eben nicht mehr. Es hat schon Bessere vor mir erwischt. Warum sollte ich eine Ausnahme bilden? Vor den Abgründen ist niemand sicher. Niemand kann einem da heraushelfen. Ich wüsste nicht, wie ich die Zeit noch totschlagen soll. Ich habe Schulabschlüsse und Berufsabschlüsse gemacht. Hatte Jahre in Schule, Beruf und Universität verbracht, nur um festzustellen, dass es mich nicht erfüllte. Nur, um festzustellen, dass nichts davon eine Bedeutung hatte oder Schutz gewährleistet vor der krisenhaften Welt. Egal, was man unternommen hat, es war nie genug. Und es wird immer so weiter gehen. Man bittet, hofft und argumentiert, plant, arbeitet und kämpft, nur um wieder zu verlieren. Keine Leistung, die man jemals erbracht hat, hat einen davor bewahrt, wieder ums Überleben kämpfen zu müssen. Die eigene Existenz darf offenkundig nicht sich selbst genügen, sie muss sich permanent rechtfertigen für ihre Bedürfnisse. Keiner erinnert sich daran, was man schon alles geleistet hat, wem man das Leben gerettet hat oder wie vielen Leuten man half. Es wird endlos erwartet, dass es unendlich immer intensiver im Berufsleben agiert wird, obwohl es keine rationale Begründung dafür gibt. Permanent muss man sich unmöglichen Behauptungen stellen und ihre Geltung akzeptieren, obwohl sie verrückt sind. Man richtet das ganze Leben nach Idealen, die einen selbst zugrunde richten. Und wer sich darüber beschwert, der wird noch mehr gepeinigt. Man kann nur verlieren. Es ist bloß immer die Frage wie viel man verliert. Verliert man sein Vermögen oder seinen Verstand? Verliert man Bekannte, Freunde und Familie oder sich selbst? Oder verliert man alles zusammen? Man kann ohne Weiteres den Beruf, die Wohnung, die Perspektive, das Vertrauen verlieren. Es gibt keine Garantie für irgendwas und dann merkt man: Bisher hatte man vielleicht sogar noch Glück. Vermutlich kommt der echte Abstieg jetzt erst. Jetzt wo die Jugend vergeht, kommt der eigentliche Niederschlag erst. Und ich warte auf diesen Schlag. Ich warte auf Dinge, Personen, Gespräche, Berufe und Situationen, die niemals eintreten werden. Ich habe nicht nur gewartet, sondern auch angestrebt. Aber nie ist irgendwas eingetreten, was Rettung erbrachte. Ich habe diverse Schläge hingenommen, in Erwartung, dass der Schmerz sich noch auszahlen wird. Aber nichts hat sich ausgezahlt. Das Leid ging immer nur weiter. Auf Schlag folgte Schlag folgte Schlag. Und ich hatte nur die Verwunderung und Überraschung, dass es Ewigkeitscharakter annahm, obwohl es so offenkundig irrational gewesen war. Man wird nur älter, das ist alles was sich ändert. Niemand hat die Kontrolle. Wir alle treiben völlig orientierungslos umher. Aber irgendwie scheinen die anderen das besser ausblenden zu können als ich. Meist weiß ich nicht, wie ich den Tag überstehen soll. Und dann fällt auf, dass die Lebenserwartung wohl noch einige Jahrzehnte von dieser Zumutung parat hält. Ich bin in etwas verwickelt mit dem ich absolut nichts zu tun haben will. Das Leben ist ein Verhängniszusammenhang, aus dem man nicht ohne neuerliches Grauen heraustreten kann. Egal wie man es dreht und wendet, es wird nicht besser. Es ist ein unlösbares Problem. Warum setzt sich das Leben fort? Es scheint einfach nur zu geschehen, wie ein Unfall oder eine Katastrophe. Und es ist auch völlig egal, ob es früher oder später zu Ende geht, denn es gibt Millionen von Lebensformen. Das individuelle Leben ist nur ein Bruchteil des Gesamtlebens und gewissermaßen leicht zu übersehen und zu vergessen. Ich möchte nicht jeden Morgen aufwachen und wissen, dass alles umsonst gewesen ist und sein wird. Aber es gibt keine Idee, keine Perspektive und nichts und niemanden, wodurch daran etwas geändert werden könnte. Es geht seit Jahren so und es ist gewissermaßen natürlich geworden in Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit und Ambitionslosigkeit vor sich hinzu dümpeln und vor sich hinzu jammern. Das Elend der anderen Menschen ist wahrscheinlich größer als das eigene, aber es relativiert nichts von dem, was einem selbst zugestoßen ist. Das Leben widerfährt mir, denn ich sitze nicht am Steuer. Das Leben hat mich als Geisel genommen. Und wohin es mich auch trägt, ich habe zu folgen. Es gibt dafür keine Identifikationsgrundlage. Ich kann es nicht gutheißen oder schönreden. Mein Bewusstsein muss eine Art Irrtum darstellen. Ich hätte mich gedanklich nie in diese Richtung entwickeln dürfen. Jetzt bin ich so, wie ich nie hätte werden dürfen. Und ich fühle mich schuldig, obwohl ich nie bewusst ein Verbrechen begangen habe. Aber Unkenntnis schützt vor Strafe nicht. Aber welche Strafe soll man dafür schon bekommen?

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Endlos

Die Zwischenmenschlichkeit funktioniert nicht mehr. Sie ist oft nur ein Zufallsprodukt. Wenn sich zwei Menschen lieben, dann ist das so, als würden sich zwei Regentropfen im freien Fall zufällig treffen. Es sind Millisekunden, die idealisiert werden. Worin soll der Zusammenhalt auch bestehen? Es gibt nur ein paar Momente, die einen zueinander getrieben haben. Und die Gezeiten zerren das Ganze wieder auseinander, noch bevor Überlegungen darüber stattfinden können, was das eigentlich alles sollte.

Die Hoffnung und das Vertrauen verloren zu haben, dürfte eines der größten Katastrophen sein, die einem Individuum zustoßen kann. Andererseits gehört es zum alltäglichen Regelfall, diesen Verlust zu erleiden. Wo kann man sich noch sicher sein? Wo liegen die Gewissheiten? Im Grunde ist alles permanenter Umwälzung untergeordnet. Wenn Glücksmomente auftauchten, dann nicht nur als Form von Zufall, sondern auch als eine Art Momentum: Situativer Vorsprung vor dem ganzen Elend, was direkt darauf folgen wird.

Es bleiben Erinnerungen zurück, die genauso idealisiert werden, wie die scheinbar glückliche Zweisamkeit. Bitterkeit träufelt sich zwar trotzdem hinein. Aber das ist es dann, woran man sich wärmt. Aber die Wärme reicht hier nicht aus. Es ist nie genug, um die soziale Kälte der Gesellschaft wirklich vollständig zurückzudrängen. Die partnerschaftliche Zweisamkeit ist dafür viel zu schwach. Ähnliches gilt für die Familie, die völlig ausgebrannt ist. Die Rückkehr zur Familie bedeutet häufig nur die Aktualisierung von Vorwürfen, Misstrauen, Schmerz und Unverständnis. Umso größer wirkt dagegen das Glück einer funktionierenden Partnerschaft.

Aber es stellt sich tatsächlich die Frage: Wo soll jemand noch Halt finden? Der Partner kann sich einen neuen suchen. Die Familie kann einen enterben. Der Vermieter kann einen mit dem Gerichtsvollzieher rausjagen. Der Arbeitgeber kann einen jederzeit kündigen. Und niemand verkauft Dir irgendwas, wenn Du kein Geld hast. Am Ende ist man an allem selbst schuld und muss auch noch auf Knien darum bitten, weiter gedemütigt zu werden. Die Entfaltung der eigenen Individualität ist in keiner Stelle vorgesehen. Man muss sich in einer derart unheimlichen, konsequenten Art und Weise an unerträgliche gesellschaftliche Zustände anpassen und modifizieren, dass darüber völlig vergessen wird, was man einst wollte.

Die Verwirrung, Erinnerungslosigkeit erzeugt einen komatösen Zustand, der allerdings die Merkwürdigkeit besitzt, dass man super aktiv konkurrenz- und wettbewerbsfähig in irgendwelchen Branchen und Berufen agiert. Die Verklärung reicht soweit, dass die Mehrheit sogar glaubt, dass sie diese Selbstleugnung selbst schon immer gewollt haben und identifizieren sich mit etwas, was sie systematisch ruiniert. Ist die Unvernunft erstmal als Vernunft gedeutet, gibt es überhaupt keinen Grund mehr an irgendwas anderem zu zweifeln, als an sich und die anderen, wenn die Konformität zum Ganzen nicht akkurat genug ist.

Es lohnt sich nicht mehr irgendetwas zu empfinden, weil die Emotionen für niemanden eine Bedeutung haben. Ähnliches gilt für Worte und Taten. Wenn ich mich demnächst aufhänge, ist mir das auch egal. Die Realität stört sich an nichts mehr außer den Überresten jener Menschlichkeit, die sie einst aus Unvermögen hervorbrachte. Es ist einzusehen, dass man verloren hat. Aber diese Einsicht rettet auch nichts. Es ist gleichgültig, wie man sich als Individuum verhält, weil die Masse diktiert, wie es laufen wird. Das Individuum als Massenform ist derart gefährlich verblödet, es ruiniert alles noch bevor irgendeiner qualifizierten Einspruch erheben könnte.

Tatsächlich sehne ich mich in eine Zeit zurück, in der ich aus irgendeiner Irrationalität heraus glaubte, dass der morgige Tag etwas Gutes verspricht. Ich wünsche mich in jene Momente zurück, die Zärtlichkeit, Hoffnung und Vertrauen zu enthalten schienen. Und das obwohl ich weiss, dass nichts davon letztlich eintrat oder sich großartig entwickelte, hatten mir diese Funken genug Antrieb gegeben, um weiterzumachen, damit diese Funken zu einem großen Feuer des Lebens werden. Aber diese Funken reichen nicht mehr aus. Sie sind weiter weg als die Sterne. Und sie kommen nicht wieder, egal was ich unternehme. Ich bin verdorren, verdorben, veraltet, verkommen und verändert. Wahrscheinlich sogar vernichtet.

Ich wüsste nicht, wohin ich gehen sollte. Ich bin noch nie irgendwo angekommen. War ich jemals wichtig für irgendjemand? Dieser Jemand muss längst verloren gegangen sein. Unendliche Angst und Trauer dominieren jede Regung. Und der Wunsch aller anderen ist bloß, dass man funktionieren soll, ohne sich anzustellen. Die eigene Funktionsfähigkeit unter Beweis zu stellen ist gleichzeitig die einzige Möglichkeit, sich eine Partnerschaft, Familie und ein Zuhause aufzubauen und all jene zurückzudrängen, die einen bei Insolvenz und Inkompetenz sofort in der Luft zerreißen. Man soll permanent so kämpfen, als könnte man gewinnen, obwohl man längst verloren hat. Die eigene Existenz könnte kaum größere Lächerlichkeit aufbieten. Die Dramatik ist, dass man sich an niemanden festhalten kann, weil alle im selben Verhängnis stecken.

Das Leben ist zu einer Episode geworden, die es hinter sich zu bringen gilt. Die Ironie daran ist, dass ausgerechnet das, was dafür verantwortlich ist, gleichzeitig für einen persönlich auch die größte Rettung darstellen kann, wenn auch nicht für die gesamte Gesellschaft. Alle streben nach Geld, obwohl es als gesamtgesellschaftliche Kategorie den Ruin und Ausschluß der Einzelnen begründet und erzwingt. Wenn über einen Lottogewinn allerdings der Ausschluß und Ruin nahezu unmöglich wird, blüht plötzlich das eigene Leben auf. Man kann seine gesamte Lebenszeit so stark wie möglich dazu verwenden, um das Leben auszuschöpfen und zwar nicht nur im materiellen Sinne, sondern vorallem sozial, kulturell und künstlerisch. Alle Regeln, die die allermeisten Mensche niederhalten, werden plötzlich zur Freikarte ins Paradies auf Erden. So können sich potentiell im Prinzip nur die Vermögenden verwirklichen, während die anderen fremden Dingen und Verhältnissen dienen müssen, die sie komplett entleeren.

Es gibt darauf keine Lösung.

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Wolkenbruch

Wenn ich mir überlege, was alles im Leben fehlt. Dann wären es Menschen, die zuhören, die sich Zeit nehmen, um sich tiefgehend auszudrücken. Echte Weggefährten, die einen auch mit all den eigenen Unzulänglichkeiten annehmen und die einen auch mal in Abenteuer mitnehmen. Es fehlt die Hoffnung, einerseits solche Menschen jemals zu treffen und andererseits fehlt die Hoffnung, dass das Leben jemals besser werden kann. Ich sehe mir Texte an, die ich vor 10 oder 15 Jahren geschrieben habe und sie drücken dieselbe Notlage aus in der ich heute stehe. Es hat sich tatsächlich nichts verändert, außer eben die Form der Not, Zurückweisung und Isolation. Meine letzte Weggefährtin, schrieb schon vor Jahren über die Sinnlosigkeit der Existenz. Da war sie 16 und das ist 14 Jahre her. Sie ist mittlerweile verschwunden. Aber bevor sie verschwand, hatte sie rasant jegliche Hoffnung, jeden Mut, jede Energie und jeden Verstand verloren. Die Welt hat sie und ihr Potential ruiniert. Ich habe das der Welt nie verziehen. Aber so passiert es millionenfach auf täglicher Basis. Da werde ich keine Ausnahme bilden. Mein Ruin greift immer wilder um sich. Als sie aus meinem Leben verschwand, ist mir auch die Gewissheit abhanden gekommen, dass es Hoffnung gibt. Ich habe angefangen, diese Qualität in ihr bei anderen Menschen zu suchen, aber niemand empfand in dieser Klarheit den Schmerz, den die Welt auf einen loszujagen vermag. Und keiner ging damit so offen und ehrlich um. Die meisten verdrängen gnadenlos ihre Überforderung mit der Welt und ihre individuelle Vernichtung durch die Welt. Man sagt immer, dass es noch nie so schön und modern in der Geschichte der Menschheit gewesen ist. Aber in Wahrheit kann man davon nichts genießen. Die moderne Technologie wird nur gegen uns alle eingesetzt, um aus uns noch mehr Leistung herauszupressen. Die Widerständigkeit dagegen hat im Prinzip nie existiert.

Es fehlt an Aufgeschlossenheit, bei mir und anderen. Es fehlt die Zeit über alles nachzudenken, zu diskutieren und Beschlüsse zu fassen. Es fehlt natürlich an Geld, um sich eine vernünftige Unterkunft zu bieten, sich schön zu kleiden und gesund zu bleiben. Es fehlen die Nerven weiterzuleben, weil kein Wort und keine Tat genug ist, um die permanente Bedrohung, die der Kapitalismus für einen individuell nunmal bedeutet, für ein paar Momente zu relativieren. Niemand kann permanent im Schlachtfeld leben. Früher oder später erwischt es einen und man verbrennt im Flammenwerfer oder stirbt im Kugelhagel oder der Typhus rafft einen dahin. Es fehlt eine generelle Lebensperspektive. Es ist zwar möglich, sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser zu halten. Aber keiner dieser Jobs bietet irgendeine Sicherheit oder inhaltliche Qualität, die tatsächlich fundiert ist. Es mag einige wenige Ausnahmen geben, die das Kapitalverhältnisse nicht völlig ruinieren konnte. Aber grundsätzlich sind die allermeisten Jobs einfach nur Drecksjobs voller Erniedrigung, Unterbezahlung, Langeweile, Depression und Tyrannei, dass man sich direkt aus dem Fenster werfen will, wenn man auch nur eine Stellenanzeige darüber liest. Es fehlt die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sowie Lust, dagegen etwas zu unternehmen oder auch nur darüber zu reden oder zu diskutieren. Generell gibt es kaum noch Lust in dieser Welt. Wenn, dann wird sie auf die Arbeit gerichtet. Es fehlt die Fähigkeit Lebenslust zu empfinden und auszuleben. Es fehlt die Fähigkeit, die Lebenslust in das Zentrum der Gesellschaftsgestaltung zu setzen. Es fehlt die Fantasie und das Vorstellungsvermögen, eine andere und bessere Welt zu erschaffen, die insbesondere den Menschen samt seiner Bedürfnisse ins Zentrum aller Anstrengungen stellt.

Es fehlt die Sicherheit, das Vertrauen, der Mut, sich all den Katastrophen und Problemen zu stellen, die im Alltagsleben üblich sind. Es fehlt die Courage sich zu widersetzen und die Intelligenz sich entsprechend zu artikulieren. Es fehlt der Ort, solche Auseinandersetzungen zu führen. Niemand wird aufgefangen, wenn er fällt und gleichzeitig wird permanent das Gegenteil behauptet. Es fehlen die Bindungen zwischen den Menschen. Es fehlen die gemeinsamen Erfahrungen. Die Zertrümmerung wird durch die Gemeinschaft der Staatsbürger und Konkurrenzsubjekte im Kapitalismus derart brutal vorangetrieben, dass schon lange nichts mehr von uns übrig ist. Es fehlt jede Qualität von Menschlichkeit. Die permanente Betriebsamkeit hat auch dazu geführt, dass Ruhe und Muse fehlt. Es werden immer weniger Bücher gelesen, besprochen und diskutiert. Mir fehlt die Plausibilität von Staat, Kapital, Nation, Geld, Lohnarbeit und dem Leben insgesamt. Man könnte ein Leben aushalten, das irrational ist, wenn es zumindest Freude bereitet. Aber es gibt keine Freude mehr. Wo soll sie stattfinden? Sie muss irgendwo derart versteckt, verschüttet sein, dass man sie nur findet, wenn man völlig enthoben ist von der gewöhnlichen Welt. Vermutlich ist die Freude nur noch bei den Ahnungslosen und jenen, die es geschafft haben, sich mit der falschen Welt zu identifizieren. Nur Menschen, die völlig falsch geworden sind, haben die Möglichkeit, in dieser Welt etwas zu werden. Alle anderen sind als Versager denunziert und ruiniert, während die Erfolgreichen die Denunziation und den Ruin ihrer Nächsten über polit-ökonomische Abstraktionen betreiben.

Ich vermisse es, mich auf etwas verlassen zu können. Auf Menschen, auf mich oder generell irgendetwas. Aber alles ist voller Enttäuschungen und Verlust. Es lässt sich nichts festhalten, weil alles im Werden und Vergehen ist. Ohne, dass ich es je wollte, wurde der Zerfall zu einem zentralen Lebensmotiv. Nichts hatte irgendeinen Bestand. Alles hat sich früher oder später selbst zerstört. Egal, wieviel Energie, Hoffnung, Liebe, Intelligenz, Aufrichtigkeit, Offenheit man hineingelegt hat. Die Ablehnung, Irritation, Vergeblichkeit und Lächerlichkeit folgte wie ein Schatten stets auf dem Fuße. Mittlerweile fehlen auch die Emotionen und nicht mehr nur die Gedanken. Was soll noch empfunden werden, wenn nichts Bedeutung hatte? Umsonst gelebt zu haben, das ist die Höchststrafe und zugleich Massenphänomen. Es gibt keine Besonderheit in dem, was ich erlebt habe. Es ist provinziell, gewöhnlich und natürlich unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen. Es fehlte immer ein positiver Einfluß in meinem Leben. Es gab niemanden, der im entscheidenden Moment da war, und die Prägung günstig verschob. Es war schon in der Kindheit völlig egal, was aus mir wird. Ich sollte eine Maschine werden und das bin ich nun. Keiner dachte daran, dass aus mir ein Mensch werden sollte, denn man war ja selbst kein Mensch geworden. Die Vergangenheit der eigenen Familie ruinierte meine Zukunft. Es fehlte ein generelles Verständnis davon, was das Leben sein könnte. Alles, was ich erzählt habe in den letzten Jahren, war nur eine Übertragungsleistung aus dem Elternhaus. Meine eigene Individualität, ist derart bescheiden, übersichtlich und pseudohaft, dass man eigentlich gar nicht mehr von einer solchen sprechen kann.

Wenn einem erstmal bewusst ist, dass die eigene Persönlichkeit ein Zufallsprodukt ist und die ganzen Verletzungen sowie Prägungen schlicht Ausdruck von gesellschaftlichen und individuellen Irrationalismus sind, bleibt einem nicht mehr viel an Eigenständigkeit und Individualität übrig. Was macht einen dann noch aus? Und woraus soll man überhaupt schöpfen? Und vorallem: Warum sollte man das alles noch unternehmen wollen? Man hat schon verloren bevor man geboren wurde. Es fehlt ein souveräner, kluger Umgang voller Stärke mit dieser katastrophalen Lage. Ich bin zu befangen, um mich noch äußern zu können. Ich bin so Teil des Verhängnisses, dass ich es nicht beenden kann. Mitgehangen, mitgefangen. Ich mehre es mit jeder Regung. Nie zuvor haben sich die letzten Tage, wie die allerletzten angefühlt. Es scheinen weitere Tage zu fehlen. Ich trete in purer Dunkelheit nach vorn. Auf einer Hängebrücke ohne Geländer, gespannt über einen tausend Kilometer langen Abgrund. Sie schwingt sehr stark, durch Wind und Regen. Sie hat brüchige Bretter auf denen ich herumtrete. Oft wäre ich beinahe gefallen. Oft brach ich durch und konnte mich noch in letzter Sekunde halten. Aber stets war die Frage, wohin soll diese Brücke überhaupt führen? Und was liegt im Abgrund? Und andere überrundeten mich auf dieser Brücke, während sie geschickt komplizierte Sisyphosaufgaben jonglierten. Es interessierte sie nicht, ob sie blind waren oder fallen konnten. Sie hatten jenes Urvertrauen in der allgemeinen Sinnlosigkeit, was mir immer fehlte.

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Suizidales

Es wird gern als egoistisch bezeichnet, sich selbst aus dem Leben zu werfen, dabei ist es ebenso egoistisch weiter leben zu wollen. Andererseits, wenn man sein eigenes Leben wegwirft, gibt man allen Menschen der Lächerlichkeit preis, die sich regelrecht einen Arm abgebissen haben, um zu überleben. Die Menschheit ist voll mit Geschichten, die vom ungeheuren Überlebenswillen zehren. Und hier ist einer, dem das alles egal ist. Es hat nichts geholfen zu überleben. Gestorben wird ohnehin. Es hatte auch keinen Grund auf die Welt zu kommen. Und dann schlägt man die Zeit tot. Manche schlagen sich gegenseitig tot. Und dann kann man sich auch gleich selbst tot schlagen. Nichts davon ist letztlich von Bedeutung. Wofür lebt man überhaupt? Spaß? Freude? Lust? All das wurde längst für obsolet erklärt. Es gilt nur noch Leistung, Wettbewerb und Gewinn.

Die Schwierigkeit beim Ableben ist vornehmlich darin begriffen, dass völlig unklar ist, wie man damit beginnen soll. Soll ein letzter großer Kredit aufgenommen werden und damit eine teure Reise in ein Luxushotel unternommen sein? Und am letzten Reisetag, dann die Schlaftablettenüberdosis. Punktgenau. Aber trostlos. Man hätte sich genausogut im heimischen Bett dem blanken Nichts übergeben können. Das ist weniger kalt und verzweifelt. Um die Angehörigen nicht zur Verzweiflung zu bringen, sollte es vielleicht eher wie ein Unfall aussehen. Als Trottel aus der Welt stolpern, – das hätte Charme. Niemand kann darüber böse sein. Man könnte auch einen Killer engagieren, der einen um die Ecke bringt. Aber das klappt nur in dümmlichen Filmen. Und verwirkt zudem in der Regel auch das Leben des Killers. Das wäre tatsächlicher Egoismus und Größenwahn in einem. Wenn die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben so groß geworden ist, dass man sogar die Gefahr einer viel schlimmeren Existenz nach dem Leben ignoriert, kann man vielleicht auch einfach die Geduld finden und auf ein natürliches Ableben warten? Aber wer hat die Zeit dafür? Das kann ewig dauern. Bei dem jetzigen Gesundheitsstandard häufig diverse Jahrzehnte. Was soll in dieser Zeit getan werden? Man kann kein altes Leben beenden, kein neues Leben anfangen, wechseln geht auch nicht. Man steckt fest, wie bestellt und nicht abgeholt.

Ich wüsste nicht wohin ich reisen sollte, wen ich besuchen sollte, mit wem ich reden sollte oder was ich sagen sollte. Es gibt niemanden zu küssen, zu begrüßen oder zu bedenken. Es fällt mir nicht ein, wozu ich aufstehen soll oder was ich essen soll. Es gibt keinen Grund den Tag zu beginnen oder ihn zu beenden. Etwas zutun ist genauso wie etwas nicht zutun. In der Regel lohnt es sich nicht, überhaupt etwas zu denken oder zu empfinden. Jede Regung wird hinterher meist sowieso bedauert, weil sie missverstanden wird, weil sie unzureichend ist, weil sie dumm ist, weil sie Kummer bereitet, weil sie nicht von Belang ist und enttäuscht, schmerzt, anwidert, gänzlich lächerlich ist. Niemand erinnert sich an einen oder irgendwas. Und wenn doch, dann eher so als würde man sich daran erinnen, dass man noch den Müll rausbringen muss. Nichts was je gesagt wurde, war von Bedeutung. Die eigenen Taten geraten in Vergessenheit. Sicher, das ist nicht immer schlecht, aber was sagt das über die Taten? Warum hat man sie überhaupt ausgeübt? Weil es sich nicht verhindern lies oder weil man es wirklich wollte? Ich wüsste nicht, wer ich vor 5 Jahren oder 5 Tagen war. Alles was ich mal war, ist längst weg. Und was ich gerade werde, ist so bestimmbar, wie das, was ich in der Pubertät war. Wenn man nichts über sich sagen kann, was ist man dann? Es gibt keinen Grund zu leben bei dieser Eigenschaftslosigkeit. Das Leben passiert, wie eine Naturkatastrophe oder Durchfall. Shit happens. Daher versteht es sich von selbst, das eigene Ableben zu forcieren, wenn man erstmal verstanden hat, dass es sich sowieso nicht lohnt sich weiter zu quälen. Es hat keiner auf einen gewartet: Warum sollte man dann selber auf das Ableben warten? Die Ackerei im Job für irgendwas, hat sich doch sowieso nie ausgezahlt und wird sich ehrlicherweise auch niemals bezahlt machen. Man zahlt nur damit, dass man immer stärker ruiniert wird. Sozial, kulturell, intellektuell, körperlich und seelisch. Am Ende wird nur wieder verlangt, zum hundersten Mal den üblichen beruflichen Schrott auszuüben, der einen überhaupt erst deprimiert und entleert hat. Das was man heute Leben nennt, ist die Wiederholung der immergleichen Verausgabung im Rahmen des Arbeitsplatzes. Die Pseudo-Persönlichkeit hängt dem so an, wie es im Körper beim Blinddarm der Fall ist. Das erzwingt geradezu die massenhafte Unfähigkeit das Leben auszukosten.

Es war egoistisch ein Kind zu zeugen, schließlich hat man es nicht gefragt, ob es überhaupt leben wollte. Wobei leben hier sicherlich ein überstrapazierter Begriff ist, wenn man nur lebt, um zu arbeiten. Und wenn das Kind dann sterben will, weil es alles zu Genüge getestet, gesehen und ertragen hat, bekommt es zu hören, es soll mal nicht so egoistisch sein und sterben wollen, nur weil es überhaupt keine Rolle als selbstzweckhafter Mensch spielt. Was sollen die Leute denn denken und die Verwandten empfinden? „Nichts, wie immer!“, könnte man antworten. Und all der Schmerz, den man angeblich verursacht! Die Leute ignorieren problemlos das Absaufen von Menschen in Hoheitsgewässern, aber wenn sich einer aus der eigenen Sippe raushalten will, entdeckt man plötzlich soetwas wie Empfindungen? Dabei waren die Gedanken und Taten zu den  Lebzeiten des eigenen Zöglings immer gänzlich egal. Der sollte gehorchen und wenn dieser das nicht geflissentlich tat, und an die eigene Angepasstheit und Verkommenheit erinnerte, war dieser ein Unhold, der absichtlich das Unglück herausforderte. Doch tatsächlich stellt man solche Bedingungen, Regeln, Forderungen und dergleichen auf dem Boden diverser Leichen auf, die stets auf Grundlage des eigenen modernen Zivillebens entstehen. Die Brutalität der Zwischenmenschlichkeit kennt keine Grenzen und wird permanent normalisiert. Es gibt keinen Grund sich Tag für Tag ansehen zu müssen, wie die Menschen wider besseren Wissens sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Der Selbstmord ist die letzte Gnade, die man sich selbst erweisen kann. Es ist glatt ein humaner Akt für die Menschlichkeit, nur eben leider ausschließlich gegenüber sich selbst. Aber das liegt in der Natur der Sache.

Wenn man also genauer darüber nachdenkt, ist es im Prinzip sehr leicht, lebensmüde zu sein und der Müdigkeit in einen langen, unendlichen Schlaf zu folgen. Was einen abhält, ist maximal die Ungewissheit, dass es aus irgendeinem unbestimmbaren Grund vielleicht doch noch anders werden könnte. Aber das ist eine irrationale Hoffnung, die noch nie eingetreten ist. Und man hat mit jedem weiteren Lebensjahr tausende Minuten voll mit Erfahrungen, die einem zeigen, warum das nie eintritt, die einem beweisen, dass es nie anders werden wird, sondern immer nur schlimmer! Es ist nur eine Frage der Zeit bis man kapituliert und sich eingestehen muss, dass die Welt nunmal ein brennender Scheiterhaufen ist, wo man sich als Einzelperson nur den Platz darauf suchen kann, der am wenigsten brennt, blutet und vor Schmerzen schreit. Nichts wird gut werden. Kein Wort wird ausreichen dagegen anzugehen. Niemand wird jemals zuhören. Nichts wird das Leid jemals lindern. Und diejenigen, die behaupten, es würde schon noch werden, oder sie würden tatsächlich zuhören oder irgendwas wissen, sind in der Regel absolute Heuchler, die ihre eigene Verlogenheit und Verkommenheit nicht aushalten oder kultivieren ihre Lust an der modernen sozialen Katastrophe. Zumeist leiden sie selbst an psychischen Erkrankungen und rationalisieren ihren Irrationalismus auf besonders verbissene Weise, sodass sie ihre eigenen Lügen oder Verklärungen glauben.

Wahrscheinlich ist es zynisch, so zu denken und gleichzeitig ist es der Zynismus der Sache, der Verhältnisse, der Art und Weise, wie Menschen leben, denken und empfinden. Eingestehen wollen es sich die wenigsten. Letzteres würde Revolution oder Suizid erzwingen. Mindestens aber Weigerung, Sabotage und Streik. Die zerstörerische Qualität des Alltagslebens wird an irgendwelche Sündenböcke delegiert und abgespalten von der eigenen, persönlichen Lebensrealität und Verantwortung. Tatsächlich gehört zum Suizid auch eine gehörige Portion Mut. Es ist nämlich einzusehen, dass man falsch lebt und es keine Lösung darauf gibt. Das eigene Unglück mehrt sich mit jedem Arbeitstag. Jede Berufsgruppe ist durchsetzt vom Profitwahn. Es gibt seit Jahrzehnten in keinem Erdteil auch nur einen Funken von Widerstand dagegen, der seinen Namen verdient. Es gibt immer nur Phrasen, Ressentiments, Unzulänglichkeiten, Eitelkeiten und denselben alten Wein in neuen Schläuchen, wie es im Politik- und Kapitalbetrieb immer üblich gewesen ist. Es gibt keine Solidarität. Es gibt keine Freundschaft. Es gibt keine Rettung. Alles ist der Surplusmacherei übergeben. Die einzigen, die überhaupt eine Chance auf ein erträgliches Leben haben, sind die Reichen. Aber auch die müssen ihren Reichtum mit dem Blut der anderen bezahlen, die nicht so reich sind. Somit ist über die Milliarden Akte der Menschheit jeden Tag ein Stückchen weiter das Glück abgeschafft worden. Daher gibt es sogar sehr guten Anlaß depressiv und lebensmüde zu sein.

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Depression

Ich beende offiziell Stück für Stück was mich in den letzten Jahren ausgemacht hat. Die Ernüchterung ist so deutlich eingetreten, dass sich kein Punkt in meiner Argumentation wiederfindet, den man hinsichtlich alter Positionen aufrechterhalten könnte. Es wird keine Überlegungen mehr geben, wie sich irgendetwas verändern ließe. Offenkundig waren all die vorherigen Jahre induziert von einem generellen Unglücklichsein. Die Scherben müssen nun aufgeräumt werden. Es hat sich ausgeträumt. Die Jugend ist vorbei. Rechnungen müssen bezahlt werden. Ab sofort gibt es nur noch Einfügung. Das eigene Scheitern musste eingesehen werden, weil die Unfähigkeit schlicht und ergreifend überall war. Nichts konnte zu Ende gedacht werden. Kaum etwas, war vernünftig gedacht. Und zugehört hat auch keiner. Der Rest ist Schweigen. Ich bedaure, dass es zu mehr nicht gereicht hat.

Niemals wird es wieder gesund für mich sein an allem zu zweifeln. Ich kann froh sein, wenn ich überlebe. Die schiere Bedeutungslosigkeit meiner Existenz erschlägt mich unermüdlich und jederzeit. Wer weiß, ob das jemals behandlungsfähig ist. Es ist mir widerfahren, dass ich lebensmüde bin. Nichts daran ist neu. Einzig, dass ich es nun als unvermeidliche Tatsache anerkenne, die professioneller Behandlung bedarf. Es ist nicht mehr normal, sich sinnlos für gar nichts zu quälen. Es muss nicht immer nur alles schrecklich sein, weil die Gesellschaft falsch ist. Es muss einen Weg geben, Frieden mit dem Falschen zu schliessen. Ansonsten gibt es kein Leben.

Mich frisst die Angst auf, dass es nicht mehr reichen wird. Ich sehe keine Perspektiven. Absolut gar keine. Es gibt keine Ideen mehr, wie es weitergehen soll. Nichts hat funktioniert. Absolut nichts. Völliges Versagertum. Ich habe alles verloren, weil ich radikale Veränderungen anstrebte. Von meinen Gewissheiten kann ich mir nur Bitterkeit kaufen. Ich bin eine grauenhafte Kreatur geworden. Ich kann nur von Verlust und Dummheit erzählen. Ich bin traurig, wütend und gleichgültig. Letzteres dominiert die meiste Zeit. Ich bin nicht der erste, der irgendetwas verliert. Man kann immer noch tiefer sinken. Ich befürchte, dass es von nun an immer schlimmer wird. Das alles jetzt ist nur ein Vorgeschmack. Hat man erst seine Träume und Hoffnungen verloren, gibt es überhaupt nichts mehr. Was bin ich noch, ohne sie? Aber es lässt sich kein Glück denken oder fühlen. Man kann es nicht erfinden, es muss immer schon da sein, damit man es finden kann. Aber ich finde nichts.

Ich habe seit Jahren nicht mehr intensiv mit jemanden gesprochen. Es lohnt sich nicht, weil meine Worte versagen. Das Interesse, sich zu äußern sinkt immer weiter ab. Es kümmert sich niemand darum, was ich sage oder denke. Es war schon immer so. Und damit bin ich nicht allein. Und gleichzeitig bin ich allein. Immer schon gewesen. Gleichgültig, ob ich bei einer Party war oder sonstwo unter Leuten oder tatsächlich allein. Es hat nie irgendetwas geholfen, – was Menschen sagten oder taten. Es war immer völlig beliebig. Menschenleben können von einer Sekunde auf die andere aus einem Zufall heraus untergehen oder aufblühen. Nichts hat mit irgendeiner Fähigkeit oder einem starken Willen zutun. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie der eigene Charakter ist. Nichts ist sicher. Und nichts ist gerecht. Und es wird immer so sein, weil es immer schon so gewesen ist.

Wenn ich daran denke, woher ich komme, war im Vorfeld schon klar, dass aus mir nichts werden konnte. Trotz aller Widerstände, konnte ich mich kurzfristig in andere gesellschaftliche Stände verirren. Aber die Außenseiter verscheucht man schnell wieder. Die eigene Herkunft lässt sich nicht abschütteln. Je verzweifelter man sie versucht zu vertreiben, desto stärker wird die eigene Vertuschungsanstrengung den anderen bewusst, die ganz selbstverständlich sich einem bestimmten gesellschaftlichen Feld zugehörig fühlen. Ich habe nie dazugehört. Nirgendwo. Immer zwischen den Stühlen. Schon vor der eigenen Geburt. Das ist eingeschrieben in die Familiengeschichte. Wie der Vater, so der Sohn. Und die ganze Familie ist voller zerbrochener Menschen und Geschichten über die keiner spricht und die keiner hören will.

Anstatt über all das Leid zu erzählen, muss wieder geschwiegen werden, am besten immer stärker, denn sonst schreit man bis die Verrücktheit und der Wahnsinn alles einnimmt. Man darf nicht mehr zulassen, alles zu hinterfragen, weil es keine Antworten geben wird. Zumindest, keine ausreichenden Antworten, um tatsächlich etwas zu verändern. Ich habe mich beinahe totgebissen an den Verhältnissen. Es fehlt nicht mehr viel, dann fehlt die Kraft für alles weitere. Ich wollte den Erdball heben und einen Milimeter verschieben, aber es war so unvernünftig wie bei jedem Größenwahnsinnigen. Es fehlt nicht viel, für eine bessere Welt. Aber ich bin nicht mehr derjenige, der sie erstreiten kann.

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Unerhört

Unabänderlich. Unvermeidbar. Unendlich. Unentrinnbar. Unvernünftig. Unermüdlich. Untot. Ungemütlich. Unachtsam. Undeutlich. Ungeheuer. Unheilvoll. Unglücklich. Ursache Unbekannt.

Obdachlos mit Obdach und Oberflächlichkeit. Reaktionäre Düsternis im grauen, rauen Feld der unzerstörbaren Realität, am Durst gestorbenen Zeitalter. Es rückt die Uhr weit weg. Herabgesunken im Schatten der unerhörten Ahnungen. Undenkbare Unvernunft im ewigen Kreisel.

Ich bin in mir selbst gefangen. Düstere Wolken drücken ins Gehirn. Ich bin der Beifahrer meines dunklen Begleiters, der nie spricht, aber immer erstickt. Das Gewitter verzerrt die Wahrnehmung. Der Sturm verbrennt die Hirnwindung. Die Kälte führt zu Zittern, Angst und Starrsinn. Die Nässe rutscht in die Kleider. Beschwert sie. Und so liege ich am Boden und die Welt liegt auf mir. Ich habe alles verloren. Ich kippe am Abgrund auf einem Stuhl hin und her. Der Arzt sagt, dein Chi ist zu schwach, iss weniger Milchprodukte und geh mindestens 20 Minuten am Tag heraus. Ich finde keine Worte für die Dimension meines Scheiterns. Ich habe schon alles gesagt und getan. Alle Varianten durchgezockt. Die Karten sind ausgespielt.

Ich hätte schon sterben sollen. Aber aus Versehen lebte ich weiter. Darüber macht man keine Scherze. Aber alles ist eingefroren. Wirklich ausgeschaltet. Es ist das Warten geblieben auf eine klare Distanz. Oder einen Schlag, der das Ende besiegelt. Aber es ist offen. Das Leben ist offen wie eine Wunde. Ich blute aus mir heraus. Ich kann mir nichts vormachen. Im Spiegel sehe ich, wie die Verletzungen nicht mehr heilen. Doch keiner kann sie sehen. Sie sind so unsichtbar wie Geister. Wenn der Halt verloren geht und der Fall alles vom Rest des Lebens ist, dann gibt es nur noch Warten. Es gibt nicht einmal mehr die Überraschung, dass keine Reue existiert. Ich hätte erzählen sollen, was in mir vorgeht, als ich wütend war. Aber dann wäre die Blindheit der Wut offenkundig geworden. Ihre Ohnmacht hätte die Lächerlichkeit der eigenen Regungen unterstrichen. Emotionen und Gedanken, die keinem Geschäftszweck dienen, sind immer lächerlich. Ich bin dadurch verloren. Es ist kein Halt möglich und doch soll er gefunden werden, egal wie brutal die Gewitterwolken die Sicht und Bedingungen verunmöglichen. Obwohl mir bekannt ist, dass nicht für alle die Sonne scheint, so hilft es mir nicht weiter. Hineingeworfen in das blinde Zeitalter, muss einfach mitgemacht werden oder es geht nicht weiter. Das mangelnde Talent, die soziale Instabilität und die psychosomatischen Beschwerden häuften sich derart, dass der Protagonist sich im Labyrinth seines eigenen Lebens verirrte und nie wieder herausfand. Er hat auf seiner Suche nach dem außerhalb seiner Existenz andere Suchende getroffen. Mal waren sie schlimmer dran als er. Mal waren sie besser dran. Sie begleiteten ihn hier und dort. Bis sie nicht mehr konnten oder wollten. Doch niemand wusste den Weg. Manche gaben vor ihn u kennen. Andere waren fatalistisch unterwegs und gaben sich schnell den goldenen Schuss. Die Schäden, die sich die Suchenden sich selbst und anderen zufügten, erschwerten es dem Protagonisten klar zu denken. Er setzte sich absichtlich in eine Ecke und beobachtete nur noch die Szenerie, die an ihm vorbei zog. Die Zeit verging und er hatte schon ewig nicht mehr nach dem Ausweg aus dem Labyrinth heraus gesucht. Er hatte vergessen, dass es ein außerhalb gab. Die Abfindung hatte ganze Arbeit geleistet. Das stählerne Gehäuse der Hörigkeit war sein Leben geworden, so wie bei nahezu allen Generationen zuvor. Es war falsch zu beten, zu glauben, zu arbeiten, zu revoltieren, zu denken oder auch nur zu hoffen. Oder zumindest erwies sich eines nach dem anderen als wirkungslos. Atomisiert und doch gemeinsam waren sämtliche Zeitgenossen einer Realität ausgeliefert, die sie in irgendeiner Form erzeugt hatten, aber die sie nie verstanden. Alles was sich am sinnlosen Suchen änderte, war das Lebensalter. Aus Zufall, Langeweile oder einem Anfall von willkürlicher Zuneigung entstanden weitere Generationen. Alles fällt dem Vergessen anheim. Und es wiederholt sich. Aus unerfindlichen Gründen schlug das Labyrinth auf seine Insassen ein. Fallen schnellten aus dem Nichts hervor und trennten sie von ihren Gliedmaßen. Der Tod trat so unbarmherzig wie schnell ein. Niemand konnte irgendwas tun. Alle konnten nur festhalten, dass jeder der nächste sein könnte. Die Schwächsten werden als erstes geopfert, zumindest probiert man es immer wieder, um die eigene Haut zu retten. Aber es gibt keine Erfolgsstrategie. Alle werden früher oder später zerhackt und vernichtet. Die Realität erstickt sie alle. Geboren um zu ersticken, in einem Raumzeitkontinuum, das sie nie wollten. Die Sinnlosigkeit breitet sich irgendwann derart allgemein aus, dass es sinnlos wird sich eine Identität anzuschaffen oder zu fragen woher man kommt. Es war nie von Bedeutung. Die Unendlichkeit des Universums lacht über den Flecken Dreck auf dem man geboren wurde. Ich hätte jederzeit sterben können. Es hat bislang andere erwischt. Ich verstehe nicht wieso. Andererseits bin ich noch früh genug dran. Es gibt nichts über mich zu erzählen. Es gibt darüber keine Notiz oder Emotion festzuhalten. Erschrocken, erstaunt notiere ich, dass sich Institutionen der Ahnungslosigkeit gebildet haben, die einen herumschubsen, weil sie dadurch ihre eigene Sinnlosigkeit verdrängen können. Ich kann nichts trinken oder essen oder träumen oder lieben, was mich über alles hinweg tröstet. Jeder Tag ist graue Ernüchterung. Unumstößliche Untröstlichkeit. Versenkt in den Untiefen ungeheuerlicher Ungeziefer. Blind, taub, blutig geschlagen, verkrüppelt und verfettet, verblutet und verdorben, vergoren bis verbrannt ins Elend gebannt. Es stinkt mir. Der Ekel greift aus den Gedärmen in den Hals, spuckt pechschwarz das Leben voll. Der flüssige Beton ist die Atemluft. Leise sticheln die Millionen Nadeln Millionen Wunden in alle Körperregionen von innen heraus. Es brennt. Es schneidet. Es ertränkt. Sirenen zischen in der Nacht vorbei an Obdachlosen. Die Frittenbuden brutzeln das Fett. Die Flugratten taumeln in der städtischen Hitze. Ich bin die personifizierte Panik und ich brenne an allen Fingern. Ich bin verschluckt von meiner Angst und sie diktiert, was ich gar nicht kann. Ich zittere, obwohl ich in der Sonne verbrenne. Es war immer so. Und ich drehe mich immer schneller um meine eigene Achse. Das frei drehen ist die einzige reale Freiheit für mich. Der freie Fall ist verboten. Er endet mit dem Tod. Und der Tod droht noch schlimmer zu sein als das, was Leben heißt. Traurig und allein, verstummt der Kleine, der längst alt ist, neben denen, die noch leiden werden. Älter werden und die Gnade empfangen, dass das Leid nicht ewig so weiter gehen muss. Oder ist das ein Trugschluss? Wechselhaft treiben meine Emotionen und Gedanken sich durch die Fluten der Tyrannei. Ich schaue mich um, aber ich kann nicht sehen. Man kann es nicht lernen. Das Leid wird sich nie relativieren. Es wird sich zuspitzen. Der Junge mag überleben, aber im Alter wird er doch noch erwischt. Es ist gnadenlos. Die Tage schichten sich aufeinander wie einzelne Stühle. Ein Stuhl auf dem anderen. Ein Tag auf den anderen. Und es baut sich schief, aber es bricht nicht gleich zusammen. Oben kippelt das Bewusstsein und hält Balance. Fällt es, ist alles zu spät. Es kracht und bricht sich alle Knochen. Die blutigen Gedärme spritzen heraus und das war es. Ringsherum türmen andere Leben Stühle aufeinander und es wird balanciert. Es kommt zu Bombenanschlägen und Amokläufen. Es wird gezündelt und gespuckt. Niemand weiss, ob der Himmel eine Bürodecke ist. Die Tage stapeln sich immer höher aufeinander und drücken die Lebendigkeit empor. Hoch ins Nichts. Dort wo noch niemand gewesen ist. Ein paar lebendige Zellen rufen sich zu, wie es sein könnte und was getan werden sollte. Aber es wird schon nicht mehr so ganz klar und verstanden. Die Wolken ziehen auf. Bei manchen gibt es Gewitter. Bei anderen Sonnenschein. Es ist nie gerecht. Manchmal krachen die Stuhltürme ineinander und die Leute ziehen sich gegenseitig aus dem Leben. Nun steht das alles wohl auch noch im Labyrinth. Was das wohl bringt? Es juckt den in den Gehörgängen. Es gibt keine Möglichkeit sich zu kratzen und das bis an den Rest ihrer Tage. Schwarze Blätter. Schwarze Notizen. Schwarze Worte. Der Feinstaub brennt radioaktiv. Ich wüsste nicht, was darüber noch zu schreiben wäre. Worte helfen nicht. Es braucht einen goldenen Schlüssel. Einen ultimativen Betrug an der Realität. Einen unerwarteten Riss in der Gesellschaft, den man nur erweitern muss, damit alles anders sein kann. Ein winziges Detail an irgendeiner Ecke des Labyrinth muss die Antwort liegen. 42.

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Erbarmungslos

Das Alter treibt seine Krallen in mich hinein und hinterlässt immer größere Verwüstungen. Es ist mir völlig ungebreiflich, wieso man überhaupt das Leben im Alter aushalten will. Man gerät in Zerfall. Es hängt, es drückt, es schmerzt, es knackt und zieht. Es wird unscharf, unschön, unerträglich. Niemand hält den Anblick des Alters aus. Nur eine große Geldsumme kann das Schlimmste hinauszögern. Aber der normale Verbraucher verbraucht sich mit jedem weiteren Tag schneller. Unaufhörlich reisst die Sonne, der Herzschlag, die Bewegung neue Schäden an und erinnert an die eigene Überflüssigkeit. Die Jugend war schon immer der eigentliche Platz des Lebens. Die anderen sind nur zuviel. Im Alter wird man garstig, dumm, senil, ängstlich, rassistisch und wütend. Die Welt wächst im Alter noch stärker in einen hinaus und über einen hinweg, wie in allen anderen Lebensphasen. Die Leute interessieren sich noch weniger für einen als es ohnehin schon immer gewesen ist. Der Alte hat nur noch den Gedanken an früher. Die Zweifel werden größer. Der Zorn macht zynisch und verbittert. Man stinkt den ganzen Tag aus allen Löchern und merkt es nichtmal mehr. Gelb, grau, als personifizierter Eiter auf zwei Beinen ekelt man die Jugend nur noch an. Alle warten, dass man endlich ausstirbt, weil es längst überfällig ist. Alle, die fanden, dass man etwas liebenswertes ansich hatte, sind gestorben oder haben die eigene Existenz vergessen. Es gab nur eine handvoll Momente, die lebenswert waren. Millionen Momente wurden sinnlos und grundlos zusammen und totgeschlagen. Schwindel, Übelkeit, Gleichgültigkeit, Ignoranz münden in einer Weigerung, das alles noch ertragen zu müssen. Es ist schwierig, diesen Moment zu finden, wenn man schon längst darüber hinaus ist. Trotz des Alters und all seiner Zerstörungen, ist man in das Leben weiterhin verwickelt und allem ausgesetzt, was es enthält. Sich durch das Gestrüpp auf die offene Wiese zu schlagen, ist nicht leicht. Das Leben ist ein endloses Labyrinth mit voller schrecklicher, unvorhersehbarer Fallen, wovon eine schlimmer als die andere ist. Es ist unklar, ob ein langes Leben überhaupt wünschenswert ist, eröffnet es doch vornehmlich weitere Jahre voller Schmerz, Enttäuschung und Zurückweisung. Das alternde Leben erklärt den Alternden zu einem Witz, weil er den Moment verpasst hat, zu sterben. Alle Menschen jenseits der Jugend werden lächerlich gemacht, von der Jugend. Weisheit, Erfahrung, alles Krücken, um vor dem offensichtlichen Mangel davon zu laufen. Lebenswert ist nur der schmale Korridor, der Jugend heisst, wo das Leben erblüht und auf seinem höchsten Reifegrad pulsiert. Sobald die Regression eintritt, wird es Zeit den Abschluß zu finden. Aber aus irgendeinem Grund muss man verweilen. Nicht wegen dem Leben, sondern als Widerstand gegenüber der gesellschaftlichen Form, die einen längst für überflüssig hält, weil die Leistungsgrenze um ein paar Prozente immer weiter nach lässt. Aber was wäre das für ein Leben? Widerstand ist nur ein Überleben und kein Leben. Man weiss davon als alternder Mensch mehr als irgendein Jugendlicher. Allerdings, hilft das auch nicht weiter. Man wächst dennoch weiter in das Elend hinein ohne es in irgendeiner Weise beeinflussen zu können. Der einzige Einfluß, den man wirklich hat, ist die Leidensqualität für einen selbst zu verringern. Das ist wohl der letzte mögliche Begriff von Widerstand.

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