Mit allem verlassen sein

Der Verlust ist eine tragische Alltagserfahrung. Wenn es normal ist, dass es keinen Menschen gibt, der das eigene Leben vervollständigt oder der sich seiner annimmt, dann ist die eigene Zerstörung vorgezeichnet. Die Hoffnungslosigkeit und Apathie strömt in die leere Identität und von dort vollzieht die Gewissheit ihr giftiges Werk. Sie konstatiert, dass man immer allein sein wird, weil es gar nicht anders sein kann, da die Welt generell unter Liebesmangel leidet. Es ist eine tödliche Klarheit. Das Ersticken an sich selbst und durch das Nichts, was in den anderen wohnt, als Keimform des Alltags. Und das Überleben konzentriert sich auf eine permanente Reduzierung und Rücknahme von allem, was man vielleicht hätte wollen können. Die Vorsicht als Triumph über alle Spontanität. Der nächste Moment könnte die letzte Enttäuschung bereiten, weil es danach nichts mehr zu erfahren gibt. Diese krankhafte Innerlichkeit und versumpfende Wehleidigkeit ist mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Aber die Zerstörung entspringt nicht nur der eigenen Identität, sondern auch aus dem Umfeld, woraus letztlich die Identität überhaupt geraten konnte. Es zermalmt einen den Magen nicht zu wissen, ob man morgen noch genug monetäre Mittel haben wird. Die Gewissheit, dass die Gesellschaft einen jederzeit vernichten kann und es niemanden negativ auffällt, weil die alltäglichen Katastrophen in millionenfacher Form üblich sind, erstickt alles. Man verliert nicht nur Lebenszeit oder Kraft, was noch natürlich wäre, sondern auch Wohlstand, sobald man nicht in den Kapitalismus investiert, der systematisch alles zerstört. Man investiert Zeit, Kraft, Nerven in diese Wirtschaftsform, obwohl sie auch einen selbst vernichtet. Es gibt nur eine Angst, die innerhalb des Jobs antreibt: Man hofft, dass es für einen noch reichen wird. Man schliesst sich einer Bande an, die in Konzernkreisen als Team tituliert wird und alles geht ganz professionell, routiniert zu. Der hohe Druck gehört genauso wie die interne und externe Konkurrenz zum Alltag. Und schon ist man ausweglos in einem brennenden Labyrinth gefangen, welches zunehmend verrauchte Gänge und Sackgassen enthält. Jede Hand, die sich dir reicht, will Dir nicht helfen, sie will Dich schlagen und berauben. Die Kosten erhöhen sich Monat für Monat, die Löhne stagnieren und sinken, die Arbeitszeit und Aufwand erhöhen sich. Das Alter schärft die eigene Mangelhaftigkeit. Wer nicht früh vorgesorgt hat, mit einem Netzwerk aus Unterstützern oder Erbschaften oder sonstigen unfairen Vorteilen, der ist geliefert und muss den Misserfolg als Alltag ertragen. Die ganze Reflexion besteht allerdings so oder so aus der Frage, ob man Geld haben wird oder nicht. Die Angst prägt zusätzlich die geistige Wüste.

Es stellt sich jeden Tag erneut die Frage, wie man angesichts solcher Zustände überhaupt leben soll. Die Lust am Leben ist ohnehin bereits vergangen, wenn die Katastrophen, die anderen unschuldigen Seelen angetan wird, in das Bewusstsein genommen werden. Wer sich nicht an das Falsche anpasst, fliegt innerhalb weniger Wochen auf die Straße. Der herrschende Gewaltapparat zwingt, nötigt einen mit allen bürokratischen Mitteln zurück in das ökonomische Getriebe, weil das alles ist, was der Mensch heute sein darf. Wer zu arrogant, unbekümmert, übermütig, illoyal ist, der stirbt den leisen Tod, der geht den sozialen Abstieg. Mord ist in dieser Gesellschaft ein allgemein akzeptiertes Mittel, um sich der überflüssigen Menschen zu entledigen. Das beweist die Asylgesetzgebung jeden Tag an den Grenzen und im Mittelmeer, wo Tausende bereits durch unterlassene Hilfeleistung ermordet wurden. Man braucht nicht zu glauben, dass irgendwer einem zu Hilfe eilt, wenn man selbst zu Ertrinken droht, denn Blut ist genau das, was essentiell diese Gesellschaft vorantreibt. Das ist ihre instrumentelle Vernunft nach der sich alles organisiert.

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Life is hard?

Das Leben ist unheimlich reichhaltig. Die Städte sind voll mit Menschen, die gerade die beste Zeit ihres Lebens haben. Die meisten wissen es gar nicht und sind zerfressen von Minderwertigkeitskomplexen oder den irrationalen Ansprüchen der kapitalorientierten Leistungsgesellschaft. Wenn im tiefsten Inneren klar ist, dass die Unfähigkeit zum Leben besteht, dann gibt man der Welt in ihrer Verachtung für einen selbst recht. Das Leben ist leer geblieben. Die starke Vermutung, dass man besser niemals hätte geboren werden sollen, drängt sich in den Details des Lebens auf. Sie heissen: Gehaltsverhandlungen, Arbeitszeiten, Dienstanweisungen, Kostendruck, Abmahnung, Gerichtsvollzieher, Mieterhöhung, Rationalisierung, Networking, Prestige, Konkurrenzkampf, Hungertod.

Niemand hat die Zeit oder nimmt sich die Zeit. Stets wollen die andern, woanders sein. Und so will man es auch oder tut man es auch, widerwillig oder willkürlich. Ich hätte gerne gelebt, aber Umstände lassen es nicht zu. Man könnte das als Selbstmitleid entschärfen, aber doch ist mehr dahinter. Der Alltag verschlägt immer wieder die Sprache. Nur noch im Schweigen sprechen die Menschen. Allerdings stellt sich die Frage, ob es überhaupt Menschen sind. Es sind allenfalls durch die Kapitalakkumulation gehärtete Wesen, die so agieren, wie man gemeinhin glaubt, dass Menschlichkeit aussieht. Das ist die Katastrophe und das Verbrechen, was wir uns alle gegenseitig permanent antun. Aber im Grunde genommen ist fast alles, von dem was im Alltag so passiert, tatsächlich unmenschlich im Sinne von mangelnder Empathie, inexistenten Lebensglück oder entleerter Intelligenz. Die Ratio katalogisiert nur noch: Wertet ab, wertet auf, stellt ein, wirft raus. Das betrifft auch die Liebe. Die ganze Reflexion sinkt auf ein Reiz-Reaktionsschema hinab und monologisiert, monopolisiert, monotisiert die letzten Reste von Leben, Lebenskraft und Lebensfähigkeit. Die Endgültigkeit dieser Lebensweise, die tödlich ist, weil sie Menschen für ihr Prinzip erstickt, wohnt in den Staus, Häuserschluchten, Bahnschächten.. Aber darin liegt auch die Ironie, denn bedenkt man wie diese Häuserschluchten entstehen und was darin eigentlich lebt, dann sind das auch Oasen des Lebens. Ein Plattenbau wirkt äußerlich wie ein Betonpanzer, aber jede Wohnung darin, kann Menschen enthalten, die besonders herausragende Lebensentwürfe und Denkbewegungen anstreben. Zugleich sind da auch Familien, die Kinderlachen bereit halten.

Manches Mal, wenn die Blicke von Fremden sich streifen, rührt sich im Hintergrund auch eine Idee davon, was hätte sein können. Sie hätten sich vertrauensvoll zueinander verhalten können. Sie hätten eine Beziehung zueinander entwickeln können. Sie hätten aneinander festhalten können. Sie hätten gemeinsam die Kälte zurückweisen können. Aber doch geschieht stets das Gleiche: Es wird davon abgesehen. Es geschieht nichts. Es herrscht der Unwille und das Misstrauen. Es lagern die grauen Gedanken über die Gegenwart und die trübe Aussicht auf die Fantasie. Die Spontaenität ist beschwert, alles ist schwierig, indiskret und ohne Ort. Es gibt kein Wort, das Blicke zu Beziehungen entfalten lässt. Alle die sich aneinander halten, scheinen eher aus einem Zufall heraus aneinander geraten zu sein und zuckten, klammerten aus Schock, wie bei einer Begegnung in totaler Dunkelheit mit einem fremden Körper. Das Greifen ins Nichts als Umarmung des Anderen, als Berührung der eigenen und totalen Nichtigkeit.

Die Menschen begegnen sich nur noch auf Freigang vom Gefängnis Lohnarbeit, behandeln sich daher wie Diebe und sonstige Verbrecher, die sie jederzeit übers Ohr hauen wollen. Und fürderhin bestätigt sich die vorurteilsbelastete Vorsicht oft genug. Irgendwann bemerkt man, dass man selbst nicht mehr die kommende Generation ist. Man ist ein Niemand, der nichts bedeutendes tut. Man ist Derjenige den man vergisst, obwohl man sich einander das Herz ausschüttete, den man in seiner Einzigartigkeit nicht bemerkt, den man ignoriert, wenn er die Tür aufhält oder eine Frage stellt. Einzigartigkeiten gehen in Einzigartigkeiten unter, sowieso, aber ganz besonders in unserer jetzigen gesellschaftlichen Form. Und es bleiben nur noch Momentaufnahmen, wo das kurz anders sein könnte. Und es ist noch seltener, wo das dann tatsächlich so ist. Und dann rechnen sich die endlos brutalen, öden, grauen und rauen Jahrzehnte auf die wenigen lebenswerten Momente.

Das Alter lehrt einem, dass die Jahrzehnte einen nicht unbedingt klüger, besser, genauer machen. Die drängende Frage, wie man überhaupt noch leben soll, wird bleiben und sich vermutlich noch energischer stellen, je schwächer man wird. Es fällt auf, dass dieselbe Idiotie gelebt wird, die man bereits vor 10 Jahren beerdigen wollte. Nichts hat sich qualitativ verändert. Eine Ansammlung von Enttäuschung, Bitterkeit und Trostlosigkeit ist das Alter, aber ansonsten ist der Schwierigkeit nur dadurch Veränderung getan worden, dass sie eher noch schwieriger geworden ist. Der Hochmut und die Hoffnung der Jugend, mag sie noch so schal gewesen sein, war wahnsinnige Naivität, die jeglicher Rationalität entbehrte. Und das ist es, was ermüdet. Manche Träume sind immer noch da. Aber sie werden sich nicht erfüllen. Sie werden leise ersticken, wie alle Träume, wie alle Blickkontakte, wie alle Begegnungen und alle Worte. Es heisst immer, man solle für seine Träume kämpfen. Doch wie? Wie soll das im Einzelnen aussehen? Wie soll man für die eigenen Träume kämpfen insbesondere mit den eigenen Voraussetzungen und der eigenen Sozialisation? Es ist ein Rätsel. Man selbst ist sich die meiste Zeit des Lebens ein Rätsel. Das ist sogar typisch für das Leben selbst. Die eigene Mythologie verunmögicht irgendeinen Geraden weg zum erträumten Ziel. Das Scheitern ist die normale Praxis. Man gibt sich mit unerträglichen Kompromissen zufrieden oder man hält sie eben aus, weil man sich nicht umbringen kann. Und das ist eben das nächste Kapitel: Wenn das Leben auch permanentes Scheitern bedeutet, ist jeder ein Verlierer, obwohl er zugleich ein Gewinner ist, wenn man denn die Existenz ansich als unendlich wertvoll einschätzt. Aber gemessen an den Zielen, ist alles unzureichend. Nichts funktioniert. Es ist überhaupt ein Wunder, dass die Gesellschaft nicht sofort explodiert. Es ist nur Trägheit, die das verhindert. Und so halten auch Beziehungen zusammen, obwohl sie längst obsolet geworden sind.

Jeder kennt das Unbehagen, das dünne Eis, wenn irgendwem zum ersten Mal begegnet wird, kaum war man zusammen besoffen oder hat gevögelt, tut man so, als hätte sich etwas an der Unkenntnis gegenüber seiner Selbst oder der anderen Person geändert. Und auch hier ist nichts wie es scheint. Die Lust ist kein Gipfel des Lebens, sondern vorallem durch surreale Unlust geprägt, durchdrungen von Leistungs- und Konkurrenzidealen, zersetzt von Fantasien aus einfallslosen Kitschfilmen und ekelerregenden Machopornos. Wenn da nicht intensiv vorher kommuniziert wird, ist der Wahnsinn perfekt. Die Fantasie ist so beerdigt, wie das eigene Vermögen totale Lust zu empfinden. Es wäre auch zu schön, wenn es so einfach wäre. Die Droge wäre immer bei einem und kostenlos. Der Abstand zur Welt wäre einen Zungenschlag entfernt. Und wenn dieses Unbehagen vor dem Fremden nicht bekannt ist, dann agiert man erst recht wie ein Alien und wieder stellt sich die Frage was Beziehung zu sich und anderen eigentlich bedeutet. Die Illusion von Abwesenheit der allgemeinen Leere?

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Für dich hat es nicht gereicht

Depressionen verhalten sich diffus, hinterlistig, unerbittlich, wahnsinnig. Sie schleifen, zerren, versenken sämtliche Möglichkeiten eines Tages und einer Identität. Selbst wenn man sich ihrer bewusst ist, bedeutet das nicht, dass man sie dadurch zurückdrängen kann. Im Gegenteil, es macht sie stärker und schrecklicher. Wenn gestern noch ein Mittel gegen sie gewirkt hat, ist es im nächsten Moment ein Beschleuniger für diese schwarze Hysterie. Und die wertvollen Jahre, die nie wieder kommen, ziehen vorbei während teure Therapeuten um Geduld bitten, schliesslich würde eine Genesung hier von vielen Faktoren abhängen. Aber die Wahrheit ist: Hat man einmal diesen dunklen Begleiter, wird er einen nie wieder verlassen. Und man wird sich damit abfinden müssen, dass jeder Tag und jede Nacht schwerer sein wird, als sie sein müsste. Permanent wird man sich vor Gesunden für das eigene absurde Verhalten entschuldigen müssen, welches von wahnwitzigen Stimmungs- und Gedankenschwankungen geprägt ist. Der reisserische Kraftverlust raubt nicht nur Lebensmut, sondern auch die Kraft irgendein Projekt zu realisieren, welches Lebensmut schöpfen könnte.

Die Unmöglichkeit den vollen Umfang dieser schwarzen Pest in wenigen Worten darzustellen, ist nur ein Aspekt, der die Vereinsamung vorantreibt. Es ist vorallem diese Unendlichkeit und Unberechenbarkeit die dominant Handlungen und Sichtweisen prägt und zu Boden reisst. Der Zweifel ist dann einfach stärker. Nichts taugt mehr für irgendwas. Die Gleichgültigkeit ist nur dann noch ein Glück, wenn sogar Suizid belanglos erscheint, auch wenn man sonst nicht mehr zum Leben ausreicht. Der Verlust von Sexualität, Partnerschaft, jeglichen Bezug zum eigenen Körper, von Lebensmitteln ist bloß der äußerliche Ausdruck des verschwundenen Glücks den andere für so normal halten. Da das Leben generell schon schwierig ist, wird es unmöglich, wenn schlafen oder aufstehen unerträglich ist. Kommt noch Schwindelgefühl und Konzentrationslosigkeit hinzu, ist ein Stadium erreicht, das irgendwo zwischen Leben und Tod gefangen im eigenen Körper changiert. Womöglich könnten radikale Maßnahmen noch eine wünschenswerte Veränderung erziehlen. Es gibt zumindest einige Hanfpflanzen, die eine einschläfernde Wirkung haben. Aber das würde nur einen winzigen Teil lösen. Wenn man als Depressiver einige Jahre vollgemacht hat mit Todessehnsucht und Gleichgültigkeit, ist man ein manifester Zyniker mit cholerischen, dummen und infantilen Zügen. Der Charakter ist längst von der mentalen Instabilität geformt worden. Man ist damit unfähig geworden sich wieder in ein normales Leben einzufügen, Beziehungen zu pflegen und am Arbeitsplatz entsprechend leistungsfähig zu funktionieren. Das Leben steht einem dann solange im Weg, wie man selbst lebt. Zugleich ist diese Unfähigkeit aber auch etwas, was wiederum neue Depressionen auslöst, weil das eigene Unvermögen die Integration verhindert und schliesslich zur Rebellion im Sinne einer Teilnahmslosigkeit einlädt.

Zugleich bietet das Leben selbst genug Gründe depressiv zu werden oder depressiv zu bleiben. Niemanden ist zu trauen, weil niemand sich kennt oder kennen will und die Gespräche oft kürzer sind als der Zeitraum, der für das Rauchen einer Zigarette von Nöten ist. Unser Zeitgeist ist so, dass sich das Individuum, welches sich in Milliarden Körpern momentan verhält, für die Kapitalakkumulation entleert und ausschliesslich über diese Entleerung verhält. Wenn also alles was menschlich ist, von einem unmenschlichen gesellschaftlichen Verhältnis definiert wird, warum sollte dann irgendein Individuum menschlich und empathisch sein? Es ist grundsätzlich immer beschädigt und damit unfähig die eigene Beschädigung im eigenen Menschenleben vollständig aufzuheben. Diese Tatsache wird oft nicht bedacht und jene, die sie sehen, werden angefeindet und ausgegrenzt. Es gibt gute Gründe, sich von anderen Menschen fernzuhalten. Für einen Depressiven bedeutet dies aber auch, dass man sich sehr gern von sich selbst fern halten würde, es aber natürlicher Weise nicht kann. Das eigene Unvermögen, die gesellschaftlichen Anforderungen, die man internalisiert hat, der permanente Zeit- und Konkurrenzdruck, die enorme soziale Isolation und die geringen Chancen auf Vertrauen und Verlässlichkeit zu treffen, befördern Depressionen ungemein. Das Gesundheitssystem ist darauf nicht vorbereitet. Es ist dafür nicht ausgebildet, es ist zu teuer und überlaufen.

Wenn die Depressionen und das Leben genug Überdrüssigkeit erzeugt haben, wenn man als Depressiver müde geworden ist gegen Windmühlen anzukämpfen, dann wächst die Gewissheit, dass es aus vielen Gründen für einen eben nicht gereicht hat, glücklich genug zu sein. Alles ist beschädigt in dieser Welt, keine Frage, nur hatte man als depressiver Mensch wohl eine besondere Portion Unglück erhalten. Entweder über die Familie, die Sozialisation, die Arbeitgeber oder Freunde, die letztlich alle Feinde oder Desinteressierte waren. Es ist sicher nichts persönliches gewesen, dass man so geschunden wurde und darunter gelitten hat. Der gesellschaftliche Irrsinn ist eben normal, nur geht der Depressive daran zugrunde, während der genorme Normale sich darin einrichtet. Die Kraft der Depression erwächst aus dieser zerstörten Welt und daher kann sie nur bezwungen werden, wenn die Welt geheilt würde. Aber dieses Mittel gibt es nicht.

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Sei mal lieber nutzlos

Es kann jenseits der ganz großen Katastrophen nichts fürchterlicheres geben als seine wertvolle, einzigartige Lebenszeit für die Lohnarbeit zu verschwenden. Man bestimmt in der Arbeitszeit nichts: Weder was getan wird, noch warum es getan wird, noch erhält man die Früchte der eigenen Arbeit. Und obwohl diese Quälerei eine kaum zu überbietende Dummheit ist, ist sie identitätsstiftende Praxis. Wer sich nicht vom Joch der Lohnarbeit strafen lässt, weil er den darin enthaltenen Wahnsinn erfasst und dadurch gebannt hat, wird über die Lohnarbeitsfetischisten gestraft, denn wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Der Hass auf den leistungslosen Genuss kommt insbesondere aus dem nächsten Bekannten und Verwandtenkreis. Darüber soll soziale Kontrolle, Repression und Unterdrückung ausgeübt sein. Dabei zählt nur der Genuss. Ihm muss sich alles beugen. Das Leben ist selten, kostbar und kurz. Warum sollte man es sich mit unendlicher Lohnarbeit, Konkurrenz- und Leistungsdruck verderben? Jeden Tag Pizza essen, ausschlafen, Freunde treffen, eigene Projekte aufgreifen und fallen lassen: Niemand wird die Lohnarbeit jemals vermissen, ist sie erstmal niedergerungen. Die Angst vor der Freiheit, der freien Zeit und den unendlichen Möglichkeiten der Selbstgestaltung, scheint die derzeitigen Vormenschen völlig gefangen zu halten. Ordnung, Pflicht und Disziplin sind ihre Religion. Vor dem Augenschein der Unendlichkeit, muss die absurde Banalität der Surplusmacherei groteskes Gelächter auslösen. Wenn alles in Vergessenheit gerät, wenn die Vergänglichkeit den Grundgehalt unserer Existenz ausmacht, dann zählen nur die Momente, die wir im Leben erleben können. Die Ausschöpfung jedes einzelnen Moments wird dadurch zum höchsten Gut. Ist das Leben nicht selbst völlig nutzlos? Es fängt an um aufzuhören. Wenn alles nur ein Witz ist, dann sollte man das Ganze wohl nicht Ernst nehmen und schon gar keinen Wettbewerb daraus machen. Allenfalls gegen die Feindes des Chills müssen wohl bekämpft werden. Jene, die das Leben für ein Arbeitslager, die Monotonie für eine Symphonie halten. Der Ursprung allen Glücks liegt in der unreglementierten Erfahrung, der unverstellten Möglichkeit zu offener Erfahrung, die sich nicht einkategorisieren oder nützlich machen muss oder will. Weise wäre es daher, die Exitenz, gerade weil sie absurd ist, als Selbstwert anzuerkennen. Insbesondere, weil die Wahrscheinlichkeit zu existieren extrem gering ist, wäre jeden Tag eine Feier angesagt.

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Das größte Tabu unserer Zeit

Die Abwesenheit von Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen kommt dem eigenen Suizid gleich und doch ist es gelebte Praxis von den aller meisten Menschen. Es ist als ob einem die eigene inhaltliche Substanz des Lebens gleichgültig wäre. In dem Moment, wo Politik, Ökonomie, Psychologie, Sexualität, ja überhaupt jeder elementare Bestandteil unserer Existenz mit Distanz behandelt wird, z.B. durch Unschärfe im Begriff oder in der Untersuchungsmethode, scheint die Fäulnis des Ablebens auf. Wer den Dingen nicht auf den Grund geht, der erstickt sein Verhältnis zur sozialen, generellen Umwelt und zu sich selbst. Es sind kleine Tode, wenn der Hunger, der Krieg, die Lohnarbeit, der Staat, das Kapital, der Rassismus, Faschismus usw. usf. ignoriert wird. Und diese Ignoranz wird täglich praktiziert.

Es gibt diese unheilvolle Hoffnung in den allermeisten Menschen, sie könnten über die alltäglichen Katastrophen mit Ideologie, Verklärung, Ignoranz oder Naivität hinwegsehen. Aber die Ausblendung und Verdrängung ist Verantwortungslosigkeit. Letztere feiert nicht das Leben, es wird dem Leben nicht gerecht, es zertrümmert das Glück, welches möglich wäre. Wer das Leben liebt, muss sich in die Katastrophen hineinknien und ihner Logik nachspüren, um sie endgültig zu bezwingen. Und das bedeutet den Schmerz sowie die Einsamkeit von Erkenntnis. Hier ist keine Starrsinnigkeit oder Ängstlichkeit gefragt, sondern reflexive, dialektische Theoriearbeit, die zugleich mutig und intelligent in ihrer Analyse und Kritik auftritt. Nur in dieser radikalen, widerständigen Lebensweise kann dem Leben nähergekommen werden, kann das bewahrt werden, was wir Menschlichkeit nennen. Wenn wir lernen uns selbst zu heilen, kommen wir im Leben an und die Katastrophen werden austrocknen.

Die Bildung und Aufklärung muss erweitert und radikalisiert werden. Es ist ein Skandal, dass hier gespart wird und die Bildung ausschliesslich als Profitmaxierer dient. Jene millionenfache Teilnahmslosigkeit, die regelrecht automatisch in Besinnungslosigkeit mündet, kann nur in größeren Katastrophen münden, denn sie ist genau das, was unsere gegenwärtige Politik in Ökonomie und Wissenschaft ausmacht. Niemand kann es ertragen, wenn ihnen die alltägliche Praxis als Teil einer totalen Falschheit um die Ohren geworfen wird, aber es ist notwendig, weil nur so das Paradies auf Erden möglich sein wird. Es muss solange ausgesprochen werden, was ist, bis sich endlich die Verhältnisse dem Willen der Menschen beugen. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen muss auf den Haufen der Geschichte geworfen werden.

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Schäbige Zärtlichkeiten

Halbnackte alte Männer sonnen sich verschwitzt auf Parkbänken ihre bauchartigen Fettwände. Knappe Sonnenkleider huschen an ihnen vorbei. Dunkle Läden bieten Backwaren an. Die pulsierende Cafeszenerie stellt sich selbst in ihrem Suff und Schmaus aus. Drückende Hitze wühlt sich durch die Gassen. Das Abtauchen in einer Großstadt ist besonders leicht. Die Leute sehen nur durch einen hindurch, weil stets durch sie nur hindurch gestarrt wird. Die enormen Opfer mit denen Hoffnungen getränkt, gesalbt und gefüttert werden, zahlen sich nicht aus. Draufzahlen, herabsinken, abblitzen und den Kürzeren ziehen, das ist die Alltagserfahrung. Jeder hat sein Leben allein zu leben. Die totale Isolation, das diffuse Verschwinden im Ganzen, die permanente Entleerung ist wesentlicher Teil der Identität eines modernen Menschen. Die Illusion im Anderen Halt zu finden gilt als typische, aber unerkannte bittere Pointe. Verloren, allein, nackt, blind in Angst bei Sturm und Kälte, ohne Aussicht auf Rettung. Das Überleben dieser sozialen Situation verhindert nur den Tod, aber es zementiert die Verwahrlosung, den Abstieg, kommuniziert im sozialfaschistoiden Gefüge Minderwertigkeit. Die Schwachen sterben ab, die Starken triumphieren und verewigen die Selektion im Namen des Mammon. Wenn die Entfremdung total ist, dann ist auch Zerstörung total. Sprache, Beziehung, Zeit, Körper, Kultur, Ökonomie, Politik. Der zitternde Rest unreglementierten Lebens ist demgegenüber höchstens noch als schwacher Funke im nebulösen, dumpfen Vorstellungsvermögen zu imaginieren. Wie soll auf dieser Welt das Leben ankommen? Alles verliert sich im gesellschaftlichen Treibsand aus Kapitalakkumulation und staatlichen Gewaltmonopol. All das kann nur Schmerz sein. Sedierungen jeder Art erscheinen sinnvoll, aber auch die sind illegalisiert, weil sie dem Wahnsinn etwas Milderung verschaffen könnten. Jeder Moment ist Schrecken. Niemand und nichts verschafft Linderung. Worte kapitulieren wie der ganze Verstand vor der permanenten Mobilisierung gegen das Leben. Auf einem Schlachtfeld über Dialektik nachdenken, wohin kann das führen? Lapidar wird strukturell alles was man hätte sein können der Enttäuschung und Vernichtung zugeführt. Leid ist Identität, Geschrei die einzige Kommunikationsart und wesentlich nur das, was ein blindes, unkontrolliertes Prinzip verlangt. Wir existieren weiter, weil wir täglich vergessen, verdrängen, beschönigen, affirmieren, was unsere Aktivitäten ruinieren. Die Hoffnungslosigkeit und Aussichtlosigkeit von menschlichen Leben kulminiert zyklusartig Jahr für Jahr, Krieg für Krieg, Amoklauf für Amoklauf, Hungertod für Hungertod, Arbeitstag für Arbeitstag. Das Grau der Städte ist Ausdruck der normierten Zementruinen, die allgemein als Menschen tituliert werden. Wir sind die Ruinen, die durch einstürzende Neubauten wandeln. Das Gejaule, Gestürze und Gekotze der Obdachlosen, Säufer, Kranken und Herausgefallenen legt Zeugnis vom allgemeinen Gefängnis ab, das alle Menschen reproduzieren. Wenn alle verloren sind, dann kann keiner die Rettung sein. Niemanden ist zu trauen. Keiner hört sich selbst zu oder beachtet die Konsequenzen der eigenen Taten. Im Lärm des Alltags hofft jeder mit seinen Schandtaten und seinem Elend verlustig zu gehen. Es funktioniert, weil die Dunkelheit alles verschluckt hat. Kein Auge gewöhnt sich an diese Qualität von Finsternis. Rapiat wird unter breiter Akzeptanz in Sekunden entrissen, was über Generationen erkämpft wurde. Der Unwille diese Art von Erfahrungen unermüdlich, unendlich anhäufen zu müssen, macht die Selbsttötung attraktiv, aber sie wäre nur eine Fortsetzung der Zerstörung von Leben, die nicht geteilt werden darf, wenn gegen all diese Entwicklungen eingestanden wird. Es gilt nicht in Panik zu geraten während man über die Jahre hinweg leise erstickt und mit tausenden Nadelstichen Richtung Wahnsinn getrieben wird. Der Widerständige balanciert auf einem dünnen Haar über den Abgrund eines Vulkans voll mit aktiven Lava, während er beschossen wird und die neuen Quartalszahlen für den Monatsabschluss erwartet werden.

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Youtube wählt rechtsradikal

Tim Held erklärt den millionenfachen Mord an Menschen zu einem Witz. (Minute: 04:35) Auf Millionen durch Deutschland ermordete Menschen sagt er schlicht: „Na und?“ (09:18) Was für eine ungeheuerliche Verharmlosung des Holocaust. Diese Schlussstrichmentalität der Generation Youtube deutet einen eklatanten Mangel an Sensbilität gegenüber Geschichte und Gesellschaft an. Wie Tim Held angesichts von Millionen Ermordeten nicht nachvollziehen kann, warum Nationalstolz hochproblematisch ist, bezeugt seine ganze Abstraktionsfähigkeit.

Tim Held versteht auch nicht den Postnazismus, der dem deutschen Nationalismus innewohnt, der die Strukturen, die den Nationalsozialismus möglich machten, nicht überwunden hat. Aus dieser Unkenntnis heraus rechtfertigt er antidemokratische Aktionen, denn hätte er eine eigene Partei würde er jene „zusammenschlagen“ und aus der „Partei werfen“, die nicht seiner Meinung entsprechen (07:22). Der Unkenntnis liegt direkt der Wahn nahe, jene zu verfolgen, die diesen kritisieren oder schmälern könnten. Das gab es schonmal auf breiter Ebene in Deutschland.

Eine Abstraktionsstufe darunter liegt Tim Held genauso falsch: Der Landesverband wollte nicht die „Flaggen abschaffen“ (02:57), sondern hat von „Fahnen runter“ gesprochen. Es gibt zudem empirische Belege für den Zusammenhang von „Party-Nationalismus“ und der Zunahme von fremdenfeindlichen und nationalistischen Haltungen (Wilhelm Heitmeyers Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“). Patriotismus und Nationalismus haben übrigens fliessende Übergänge (08:02).

Die Kritik an der Nation ist also sicher nicht „genauso dumm“ (08:44) wie die Liebe zur Nation, ganz im Gegenteil, sie bezeugt, dass die Nation ein künstlicher Zwangszusammenhang ist, der auf Ausgrenzung, Ausbeutung und Gewalt beruht und daher dringend relativiert werden muss, damit alle Menschen frei sein können.

In diesem Sinne: Nie wieder Deutschland!

P.S. Wieso regt sich Tim Held über Sachbeschädigung auf, wo er doch selbst laufend Abmahnungen wegen seiner Videos bekommt, also mit fragwürdigen Aktionen sein Geld verdient?

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